Georg Weiler begegnet der Liebe

Georg Weiler begegnet der Liebe

Georg war jetzt fünfzig Jahre. Das Erleben eines neuen Tages war nicht mehr so selbstverständlich wie noch mit 30 oder 40 Jahren. Zwar spürte Georg keine körperlichen Hinweise, die ihn besorgten; der frühe Tod seiner Schwiegermutter, der Tod seines Vaters erinnerten ihn an die Endlichkeit seines Lebens. Er hatte seine Wünsche ans Leben notiert, soweit sie sein eigenes Leben betrafen. Wünsche, die er aber alle hinten anstellen würde, könnte er wünschen, dass alle seine Kinder ein zufriedenes Leben führten. Ein zufriedenes Leben führen. Welch wunderbare Wortverbindungen unsere Sprache kennt. Wie lange diese Wortverbindung wohl schon ein fester Bestandteil der deutschen Sprache ist? Wer führt mein Leben? Ich führe. Ich lenke. Ich bestimme den Weg. Georg wünschte sich, noch einmal, 34 Jahre später, mit Ina im Club Rotes Kliff zu tanzen, und dürfte er seinen Wunsch heute ein wenig verändern, so wünschte er sich, mit ihr auf Ibiza in den Morgen zu tanzen. Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den siebten Himmel der Liebe. Georg wusste nicht, wer diesen Text gesungen hatte. Er konnte sich nur an die Melodie und den Rhythmus erinnern, ein langsamer Walzer. Georg wünschte eine Aussprache mit seiner geschieden Frau, in der er weder negative Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Zorn oder Hass, noch positive Gefühle wie Liebe, Traurigkeit, Sentimentalität, Verlangen spüren würde, sondern pure, rationale, liebevolle, selbstlose Gleichgültigkeit. Und als dritten Wunsch hatte Georg niedergeschrieben, der Frau zu begegnen, mit der all das Schöne möglich wird, das nur in der Begegnung, im Austausch von Mann und Frau möglich ist. Nachdem Georg den letzten Satz noch einmal gelesen hatte, spürte er, dass seine Formulierung nicht stimmig war, nicht stimmte, denn schon der erste Wunsch hatte sich auf eine Frau bezogen. Vermutlich wollte Georg mit Ina in die Vergangenheit eintauchen, dorthin, wo er am Anfang seines jungen Lebens durch Ina erfuhr, was er begehren würde. Warum sollte er sich auf die Begegnung zu einer Frau beschränken? Von dem, was nur in der Begegnung, im Austausch von Mann und Frau möglich ist, wusste Georg viel zu wenig. Er hatte das Negative erlebt. Er hatte lernen müssen, was er heute und an den Tagen, die blieben, nicht mehr erleben wollte. Die Zukunft brauchte einen Plan, sie brauchte Regeln. Die Zukunft sollte gut werden.

Die erste Frage, die Georg sich beantworten wollte,  lautetete: Warum suche ich eine Partnerin? Zur Begründung wollte er sieben gute Gründe nennen. Georg mühte sich. Die Beantwortung der Frage war genauso schwer, wie Georg vermutet hatte. Im Grunde war alles, was Georg in seinem Leben mit einer Frau erlebte und in guter Erinnerung behalten hatte, immer nur das Vorspiel zum Sex, zu zweit spazieren, einkaufen, kochen, eine Reise unternehmen.  Vielleicht konnte Georg Antworten finden, wenn er das Leben in Bedürfnisgruppen einteilte. Georg nährte, wohnte und kleidete sich. Georgs erste Wohnung war ein Einzimmer-Appartement. Seine erste richtige Wohnung bewohnte er mit seiner ersten Frau. Während Georg sich in seinem Appartement vornehmlich von Miracoli, Brot und Kaffee ernährte, bediente Georgs Frau ihn mit allem, was man damals so kochte. Die Wohnung wurde täglich gesaugt, Staub wurde gewischt, das Badezimmer gereinigt. Das Bedürfnis, noch einmal zu zweit in einer Wohnung zu leben, verspürte Georg jetzt gerade nicht. Ob die Liebe auch das ändern würde?

Wie sollte die Frau sein, mit der Georg die Liebe erleben wollte. Konnte er dieses Mal die an sich gestellte Aufgabe erfüllen, zehn Eigenschaften seiner Traumfrau zu benennen und die Art und Weise des Umgangs miteinander zu beschreiben? Wieder spürte Georg, dass er von der Liebe zu wenig wusste. Hatte er jemals in seinem Leben geliebt? Konnte er überhaupt lieben? War die Fähigkeit zu lieben schon früh abhandengekommen? War Georg ein liebloser Mensch? Fragen.

Wenn Georg der Liebe begegnen wollte, musste  er wissen, was Liebe ist. Konnte es sein, dass Georg nicht wusste, was Liebe ist. So alt geworden und keine Erklärung für die Liebe? Er hatte gelesen, wie andere Menschen die Liebe erklärten. Liebe sei zu zwei Dritteln Neugier. An wen dachte Georg, wenn er diese Definition las? Er dachte an die Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war. Wenn die Liebe vergleichbar wäre mit einem Instrument, das man bespielt, dann hatte Georg von den Klängen, Melodien und Rhythmen, die ein Instrument erzeugen kann, nur ein einziges Stück gespielt. Und von dem einen Stück, das Georg auf dem Klavier spielen konnte, der Entertainer aus dem Film der Clou, beherrschte er nur das erste Drittel. Georg beneidete die Menschen, die sich ans Klavier setzten und die schönsten Stücke spielten. Wahrscheinlich musste man, wollte man verstehen, was Liebe ist, die Liebe üben. Wie viele Kompositionen musste man beherrschen, um als Klavierspieler zu gelten? 50, 100? Und mit jedem Stück, das man erlernte, würden die Fertigkeiten wachsen und die Zeit, die es brauchte, ein neues Lied zu erlernen, würde weniger, irgendwann würde man ein neues Lied direkt vom Notenblatt abspielen. Georg würde nur die Stücke spielen, die ihm gefielen und dabei darauf achten, dass die Ansprüche, die das Lied an seine Fertigkeiten stellte, diese nicht überforderten. Georg hatte sich 26 Jahre an einem Stück probiert. Und nach 26 Jahren des Übens war es ihm nicht gelungen, diese eine Stück fehlerfrei zur eigenen Freude und zur Freude derer, die zuhörten, zu spielen. Er nahm das Notenblatt vom Notenhalter, zerriss es und lies die zerrissenen Teile in den Papierkorb fallen.
Das Klavier bietet 11 Töne, die in mehreren Höhen und Tiefen die schönsten Melodien möglich machen. Was sind die Töne der Liebe? Die Töne der Liebe sind die Ausdrucksformen des Lebens. Liebe ist wie der Fingerdruck auf eine Taste, eine Taste mit dem Finger drücken, leicht, fest, haltend, ein Ton erklingt. Wann lebt dieser stille Körper, das Klavier, das still im Raum steht? Wenn es zum Klingen gebacht wird. „Wann liebe ich?“, so fragte sich Georg. Wenn ich zum Klingen gebracht werde, wenn meine Gefühle berührt werden, wenn ich all das, was der lebende Körper möglich macht, erlebe. Ich liebe, so schlussfolgerte Georg, wenn ich mich in all meinen Möglichkeiten erlebe. Liebe braucht Übung, Liebe braucht Erleben, sich in all seinen Sinnen erleben.

Georg hatte sich ein Buch gekauft, das ihm die Liebe erklären sollte. Er fand sich in seinem Gefühl bestätigt. Jeder Mensch hat bestimmte Grundbedürfnisse in unterschiedlicher Ausprägung, die, wenn sie erfüllt werden, emotionale und köperliche Sättigung versprechen. Das Grundbedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Wohung hatte er schon hinterfragt. Auch die anderen sieben Bedürfnisarten fühlten sich stimmig an: einen beruflichen Partner, das Verlangen nach Sex, das Bedürfnis nach Intimität und körperlicher Nähe, der Wunsch nach familiärer Bindung, die Sehnsucht nach echter, ehrlicher Freundschaft, nach emotionaler Entwicklung, das Verlangen nach einem spirituellen Lehrer.

Georg war ans Meer gefahren, die letzten heißen Tage des Sommers waren zählbar. Er hatte den Strandübergang bei der Osteria gewählt und saß auf dem Geländer an dessen höchster Erhebung. Vor ihm lag die Nordsee in ihren schönsten Farben. Es war Ebbe und entlang des Strands hatten sich viele kleine Seen gebildet. Nur noch wenige Tage und Georg wollte sich wieder der Betreuung und Pflege seiner Mutter zuwenden. Dieser Sommer sollte ihm Klarheit über seine Zukunft geben. Er wollte sich in verschieden Dingen probieren. Er war mit all seinen Vorhaben in den Startlöchern geblieben. Und während Georg auf dem Holzgeländer saß und auf den Strand schaute, daran dachte, dass dieser Strand in jedem Jahr von einer Million Menschen besucht wurde, liefen Menschen an ihm vorbei und Georg hatte den Eindruck, dass überwiegend ältere Menschen an ihm vorbeigingen. Und als wieder ein älteres Paar an ihm vorbeiging, fragte er sich, wie viele Jahre noch blieben, um die Liebe, die er als Jugendlicher ersehnte und als Erwachsener zu einem zu großen Teil versäumte, zu erleben. Und ihm wurde bewusst, dass er auf diese Frage keine Antwort wusste. Und so kam ihm der Gedanke, sollte irgendwann die Möglichkeit gegeben sein, endlich den Podcast zu starten, er würde alte Männer einladen, um mit ihnen über Weisheit und Sexualität zu reden. Von alten Männern lernen. 

Georg ging den Strandübergang hinunter, nahm sein Flipflops in die Hand, schulterte seinen kleinen Rucksack, in dem seine Lesebrille, ein kleines Handtuch und das Buch über die Liebe waren, sein T-Shirt hatte er schon oben am Strandübergang im Rucksack verstaut, und ging ans auflaufende Wasser. Er ging in Richtung Süden, irgendwann, am rechten Ort, zur rechten Zeit würde er anhalten, den Platz in der Stille annehmen und lesen. Er wollte endlich die Liebe verstehen. Er ahnte, nein, er wusste, dass Sätze, die von der Magie der Liebe und der Kraft der Liebe sprachen, keine Utopie, keine Fiktion waren. Georg war bereit für die Liebe, zu lange schon hatte er sich vor der Liebe geschützt. Nachdem Georg eine Stunde gegangen war, kam ihm eine Frau entgegen. Es kam nur selten vor, dass ihm eine Frau gefiel, wenn er am Strand entlang ging. Und wenn Georg unter hundert Frauen eine Frau gefiel, dann war sie in der Regel in Begleitung eines Mannes. Diese Frau gefiel ihm, und sie war ohne Begleitung. Er hatte die Anleitung zum Flirt verstanden, und er wusste, dass der erste Schritt Mut brauchte, die Angst vor einer möglichen Abweisung in Kauf zu nehmen. Noch zwanzig Meter Zeit. Georg überlegte, wie er seinen Wunsch, diese Frau kennenzulernen, umsetzen wollte. Georg war ein großer Angsthase, je größer sein Gefallen an einer Frau war, umso größer wurde die Angst. Folglich ging Georg schweigend an der Frau vorbei, die ihm gefiel, kein Hallo, kein Moin, nicht einmal ein zweiter Blick, so groß war sein Gefallen, so groß war seine Angst. Ein paar Fußschritte später blieb Georg stehen und schaute der Frau nach. Es dauerte nicht lange, vielleicht 100 Wellenschläge, und die Frau blieb stehen und drehte um. Georg blieb stehen, spielende Hunde rechtfertigten sein Stehen, sein Warten. Sie kam näher. Georgs Blick fiel auf das Bikini-Oberteil, in dem zwei große Brüste leicht schaukelten. Auf dem Kopf trug sie eine beige Kappe, die ihr dunkles, zu einem Zopf gebundenes Haar, so vermutete Georg, aufnahm. Der von der Sonne gebräunte Körper, dieses satte Braun, erinnerten Georg an seine erste Frau und auch an Ina, die Frau, die ihm zeigte, was er begehren würde. Der Körper dieser Frau versprach große Lust. Und wie lange würde Georg noch Lust empfinden? Irgendwann würde die Libido erlöschen. Würde auch Georg dann sagen, ebenso wie der berühmte Mann, dessen Namen Georg jetzt nicht einfiel, er hätte erst klar denken können, als der Sexualtrieb gestorben war. Wie könnte Georg mit dieser Frau, die in wenigen Augenblicken schweigend an ihm vorbeigegangen sein würde, in eine sprechende Begegnung kommen. Diese Frau schien die Überwindung der Angst zu lohnen. Und wieder schwieg Georg, nur ein kurzer, schneller Blick in ihre Augen, der keine Erwiderung fand. Georg ärgerte sich über seine Angst und sein Schweigen, das der Angst folgte. Georg blieb stehen und schaute aufs Meer. Hundert Wellenschläge später, vor ihm die Frau, ging Georg weiter. Es dauerte wieder nicht lange, möglicherweise hatte Georg  das Gefühl für die Zeit auch verloren, da setzte sich die Frau auf eine Sanderhebung. Ihr Abstand zur sanften Brandung war groß genug, um Georg die Möglichkeit zu geben, an ihr in einem gesicherten Abstand vorbeizugehen. Das war jetzt die dritte Möglichkeit, die Georg ausließ. Und wieder dauerte es nicht lange und Georg stand vor einem kleinen See, den die Ebbe geschaffen hatte. Georg entschied sich gegen den Umweg und für den direkten Weg durch das Wasser. Es war warm und reichte schon bald bis zum Bauchnabel. 

Georg drehte sich um, irgendjemand folgte ihm. Da war sie wieder. Ihren Stoffbeutel trug sie mit in die Höhe ausgestreckten Armen. Ihr Anblick erinnerte Georg an die Szene eines James Bond Films. Jetzt war der Augenblick gekommen, das Denken und die Angst zu beenden. Noch mehr Möglichkeiten konnte die Fügung ihm nicht anbieten. Warum sich Georg mit der Bemerkung „Zwei Blöde“ an die Frau wandte, wusste er nicht, vielleicht glaubte Georg, die Aussage sei lustig. Vielleicht wollte Georg mit diesen zwei Wörtern auch nur sein Begehren in Abrede stellen. Georg hatte das Denken offensichtlich nicht eingestellt. Aber er hatte die Angst besiegt und den ersten Schritt in eine Begegnung getan. Vermutlich hätte Georg alles sagen können, vermutlich war der Inhalt seiner Worte nebensächlich. Ab jetzt redeten beide unablässig. Als sie seine Frage, wie weit sie gehen würde, beantwortet hatte, konnte Georg ihre Frage mit dem Satz beantworten: „Soweit, wie du.“ Sie erzählte von ihren zwei Kindern, Georg von seinen. Als sie von ihrem Ehemann erzählte, war klar, dass dieser Tag ein anderes Ende nehmen würde, als beide wollten. Schon die Tasse Kaffee, das kühle Getränk musste ausfallen, ihr Mann erwarte sie ihrem Strandkorb. Sie würden sich im nächsten Jahr wiedersehen, wieder im August, irgendwo am Strand der Strandoase. Ein guter Anfang nahm nicht das lohnende Ende. Georg aber wurde für seinen Mut mit einer erotischen Begegnung belohnt, und er konnte jetzt benennen, wie er sich die Frau vorstellte, mit der er die Liebe erleben wollte. Georg war beeindruckt von der Wirkung, die diese kurze Begegnung in ihm ausgelöst hatte. Er hatte eine Erfahrung gemacht, die all die Bücher, die er gelesen hatte, nicht bewirken konnten. Er hatte aber auch die Erfahrung gemacht, dass vieles von dem, was er gelesen hatte, stimmte.

In seinem ganzen Leben war Georg nie frei. Er war immer abhängig. Immer belastete, bestimmte eine Frau sein Denken, sein Gefühl. Die einzigen unbelasteten, freien Momente erlebte Georg auf dem Fußballplatz, wenn er dem Ball hinterherlief, mit dem Gegenspieler um den Ballbesitz kämpfte, mit seinen Mitspielern auf das gegnerische Tor drängte. Auf begrenzten Raum und innerhalb einer festgelegten Zeit erlebte Georg Freiheit. Er allein bestimmte seine Wege, die er lief. Freiheit, die ich meine.

Es gab diese Nächte, in denen er von ihr träumte, Nächte in denen er im Traum ejakulierte.
Es war ihm peinlich. Der feuchte Traum hatte Georg gezeigt, welche Frau er begehrte. Was wäre passiert, hätte Georg seiner damaligen Frau erzählt, du, ich hatte gerade einen feuchten Traum, und im Traum träumte ich von einer anderen Frau. Georg konnte heute, fast 30 Jahre später, nicht mit Sicherheit sagen, dass er tatsächlich von Ani geträumt hatte. Zumindest, glaubte er, sich zu erinnern, dass sie es war. Irgendwann reagierte Georg auf sein Verlangen, auf seine Sehnsucht, irgendwann versuchte er, seiner Frau sein Bedürfnis mit Worten zu erklären, die sie nicht verletzten. Heute, fast 30 Jahre später, war Georg bewusst, dass seine Worte, die seine Bitte, Ani zu sehen, erklären sollten, in welcher Form auch immer Georg sie vorgetragen hatte, für seine Frau verletzend waren. Erst heute konnte Georg nachfühlen, welchen Schmerz seine Bitte in seiner Frau ausgelöst haben musste, auch wenn Georg sich nicht erinnern konnte, dass seine Frau mit sichtbarem Schmerz reagiert hatte. Georg konnte das Gefühl, dass er in seiner Frau verursacht hatte, mitfühlen. Ob ihre Art der Trennung von Georg irgendwie mit dem frühen Schmerz in Verbindung stand? Wie wäre Georgs Leben verlaufen, wie wäre das Leben seiner Frau verlaufen, hätten beide schon damals und nicht erst 20 Jahre später die Trennung vollzogen? Seine vier Kinder wären nicht geboren worden. Vielleicht hätte Georg die Schmerzen, die er in den letzten sieben Jahren durchlitt, schon seit seinem 21. Lebensjahr durchlitten. Als Georg dann zu Ani fuhr, ihre Wohung betrat und von ihr ins Wohnzimmer zur Sitzgruppe geführt wurde, er auf seinem Hocker saß, sie auf dem Boden vor dem Sofa, in der Küche, in der der Boden mit weißen und schwarzen Kacheln gefliest war, wartete der Freund, aus den Lautsprechern klang leise Musik mit vollem Klang, wäre Georg gerne für immer geblieben. Georg konnte sich nicht erklären, erzählte irgendeinen Mist und fuhr zurück in seine Ehe. Als Georg diesen Abend und die Jahre, die folgten, auf sich wirken ließ, wunderte er sich, dass er noch immer lebte. Die Kinder wurden geboren, das Studium musste betrieben werden, das Zuhause musste hergerichtet werden, die Wagen gewaschen, der Rasen gemäht, und über allem lag der Schatten einer Sehnsucht nach einer erfüllten, unbelasteten Liebe. Fortan hatte Georg seine Sehnsucht verschwiegen, hatte niemandem von seiner Sehnsucht erzählt, hatte nichts getan, das seine Sehnsucht stillte, die auch sexuelles Verlangen war, hatte immer nur gehofft, dass seine leidende Sehnsucht irgendwann ein Ende finden würde, hatte gehofft, dass diese doch so kleine Lücke in seinem Glück ihre riesengroße Bedeutung verlieren würde. Georgs Lebensgebilde hatte ein kleines Loch, dessen Ursache Georg nicht kannte, und er war unfähig, dieses kleine Loch, aus dem unaufhörlich die Lebenskraft entwich, zu schließen. Dieses kleine Loch in einem Fahrradschlauch, dass man mit dem Auge nicht erkennen kann, das man erst orten konnte, wenn der prall aufgefüllte Schlauch ins Wasser gehalten wird und kleine Luftbläschen an die Wasseroberfläche drängen. Und jetzt ist das Leben fast vorbei. Georg hatte sich zwei zusätzliche Sonnentage geschenkt, bevor er zurück zu seiner Mutter fahren würde, um ihre Pflege zu übernehmen. Wie hatte er die Hälfte des Tages genutzt? Georg hatte geschrieben. Gleich würde er frühstücken und dann ans Meer fahren. Vielleicht würde er erneut einer attraktiven Frau begegnen und den Mut aufbringen, mit ihr in eine ehrliche Begegnung zu treten. Und sollte er am Strand keiner für ihn attraktiven Frau begegnen, dann sollte er doch endlich dort hingehen, wo er ihr begegnen würde. Wo sind die Orte, an denen die Liebe ihren Anfang findet?

Auf dem Weg zum Bahnhof grüßte Georg eine Kinderhand vom Beifahrersitz eines Kleinwagens. Georg hob seine linke Hand, mit der rechten schulterte er seinen Seesack, der nur noch mit einem Riemen getragen werden konnte, nachdem der andere bei der vorletzten Reise abgerissen war. Seit nunmehr sieben Jahren begleitete ihn dieser Sack. Er würde ihn auch weiterhin nutzen, vorher den Riemen beim Schuster reparieren lassen; auch wenn er mittlerweile ohne Rad, wie noch in den ersten Jahren, unterwegs war. Georg hatte Felix nicht sofort erkannt. Es hatte eine Sekunde gebraucht, bis er wusste, wer ihn da so freundlich grüßte. Georg kannte nicht viele Kinder in Felix Alter hier auf Sylt. Tom, der Sohn von Susanne, war mittlerweile alleine auf Reisen. Georg war Susanne vor ein paar Wochen auf dem Weg zu einem Open Air Konzert begegnet. Tom sei in Italien mit seiner Karate-Gruppe. Auf einer seiner ersten Reisen hatte Georg Susanne und Tom im Zug auf der Rückreise von Sylt kennengelernt. Damals hatte Tom noch Asthma. Ihre mehrmaligen Aufenthalte im Jahr auf der Insel hatten ihn geheilt. In den Jahren die folgten, sah man sich zufällig immer wieder, zuletzt beim WhiteDinner in Kampen. Susanne war ein ehrlicher Charakter, eine angenehme, sehr sympathische Frau. Georg mochte sie. Sollte er ihr noch einmal zufällig begegnen, wollte er von ihr und ihrer Sicht aufs Leben lernen. Nachdem Georg Felix erkannt hatte, wusste Georg auch, wer den Wagen fuhr. Wie der frühe Morgen zeigte, waren der Fahrer und Felix Mutter ein Paar. Georg war ihm irgendwann in der Mitte seines neuen Lebens auf einer Matinee begegnet. Damals hatte man über den Beruf, den man teilte, ins Gespräch gefunden. Sein weißes Hemd ließ vermuten, das er gleich mit der Arbeit beginnen würde, nachdem er Felix zur Schule gebracht hatte. Georg fragte sich, ob er je noch einmal als Anwalt arbeiten würde? Wenn überhaupt, dann beschränkt auf ein einziges Rechtsgebiet. Aber auf welches? Mit seiner Arbeit helfen, Gutes tun. In welchem Rechtsgebiet war das möglich? Strafrecht, wenn dem mutmaßlichen Täter Unrecht widerfuhr? War das nicht eine ganz seltene Ausnahme. Georg dachte an Guido, seinen Kollegen aus dem Referendariat. Guido war Fachanwalt für Strafrecht geworden. Das letzte Mal hatten sie sich aus Anlass seines Geburtstags getroffen. Georg würde ihn vielleicht noch heute anrufen. Guidos Vater war Lehrer. Auch Guido hatte mit einem Lehramtsstudium begonnen, dann jedoch nach mehreren Semestern auf Jura gewechselt. Wie auch Georg hatte er seine Kinder noch während des Studiums bekommen. Scheidungsrecht vielleicht? Einen Antrag stellen, den Termin zur Anhörung vorbereiten, fertig. Bei einer Scheidung helfen. Hatte Georg diese Arbeit mit Sinn und Freude erfüllt? In der Regel nicht. Auch seine eigene Scheidung war nicht schön. Noch ein gutes Jahr blieb, bis Georg eine Entscheidung vorbereitet haben wollte. Auf dem weiteren Weg zum Bahnhof fragte sich Georg, wie sein zweites Leben, das Leben nach der Ehe, heute wäre, hätte sein Werben um Marie, damals Erfolg gehabt. Marie war als Sternzeichen Krebs. Sowohl das Sternzeichen als auch ihr Tierkreiszeichen passten nicht zu Georg, der als Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Löwe und Schwein als Tierkreiszeichen war. Ob die Tage der Geburt Grund für Georgs gescheitertes Werben waren? Das Sternzeichen Stier passt auch nicht zum Zwilling. War das der Grund, dass Georgs Ehe scheiterte? Anis Sternzeichen war Fisch. Auch der Fisch passt nicht zum Zwilling Bei ihrem nächsten Treffen würde Georg Susanne nach ihrem Sternzeichen fragen. Wie wäre das Leben mit Marie als Partnerin? Als Marie Georg das erste Mal begegnete, arbeitete sie in einem Buchladen. In ihrem Auftritt gegenüber den Kunden war sie frech, und doch freundlich und so anziehend verführerisch, dass Georg sie im zweiten Jahr seines Aufenthalts auf Sylt fragte, ob sie eine ältere Schwester habe. Marie hatte den Grund der Frage nicht so Recht verstanden. Erst später, als man das Alter und Lebenserinnerungen teilte, wurde ihr der Grund der Frage verständlich, Marie war nur ein paar Jahre älter als Georgs ältester Sohn. Warum hatte Georg ein Jahr gewartet, bis er Marie zu einem Eis eingeladen hatte? War es nur der Altersunterschied? Georg hatte ihr erst vor drei Tagen noch einmal geschrieben, nachdem er sich zwei zusätzliche Sonnentage auf Sylt geschenkt hatte, und durch die Kostbarkeit dieses Geschenks motiviert, in den Buchladen gefahren war, um sich von ihr zu verabschieden. Marie hatte tatsächlich gekündigt. Damals, am Anfang seines neuen Lebens war Marie sehr wichtig für Georg, denn er dachte morgens, mittags und abends an Marie. Und es gab den Tag an dem Georg schrie und weinte, als sie ihm geschrieben hatte, dass sie auf dem Weg zu dem Mann sei, von dem Georg vorher so oft hören musste. Der Zug hatte Elmshorn erreicht. Gleich würde Georg in den Zug nach Münster, die Stadt, die einmal seine Heimat war, umsteigen. Der Frau,die gerade zugestiegen war, wurde vor vier Jahren der Koffer als Alleinreisende der ersten Klasse gestohlen. Die Hausratversicherung hatte den Schäden von 2.000 € nicht erstattet, Ersatz nur bei Raub. Der Koffer sei während eines Halts von 36 Sekunden, in denen sie mit ihrem Mann telefonierte, gestohlen worden. Bis zum Halt habe sie ihrem Koffer durchgängig im Auge behalten, auch weil ein Mann längere Zeit bei der Kofferablage stand und mit seinem Handy spielte. Nach dem Halt waren Koffer und Mann verschwunden. Deutschland hätte sich verändert, es sei nicht mehr sicher. Die Frau war in Stuttgart Zuhause. Ihrer Schwester sei das Portemonnaie aus der Umhängetasche gestohlen, bei ihrer Schwägerin sei ein Schlitz in die Plastiktüte geritzt und die neuen T-Shirt entwendet worden. Georg hatte Hamburg erreicht, der Zug füllte sich. Neben Georg hatte eine Frau aus Haltern einen Platz gefunden.

Hatte Georg wirklich das Ziel, in einer festen Partnerschaft zu leben? Ein leichtes Ziel, das umso leichter würde, je stärker seine Absicht wäre. Eine klare Absicht setzt Energie frei, die Georg zum Erreichen seiner Ziele brauchte. Georg fürchtete, dass er sich des Zieles einer Partnerschaft nicht so sicher war. Wenn 95 Prozent seines Lebens, seines Denkens und Handelns unbewusst geschahen, das Unbewusste ihm unbekannt war, wie sollte er wissen, was er wollte.  Musste er der Liebe, so ist der Titel des Buches, unbedingt in einer Partnerschaft begegnen? Georg würde erst einmal sein Unbewusstes nach seinen Wünschen verändern, durch eine Affirmation. Er würde nach dem Erwachen und vor dem Einschlafen zwanzig Mal laut aussprechen: Mir geht es mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser. Und wenn man die Partnerschaft nicht in einer Wohnung und in Freiheit Leben kann, dann wollte Georg auch folgende Sätze laut aussprechen: Der richtige Partner für mich existiert. Ich weiß, dass wir uns bald begegnen. Ich ziehe die Menschen an, die zu mir passen. Ich habe eine gewinnende Ausstrahlung. Ich liebe mich so, wie ich bin. Anderen Menschen gegenüber verhalte ich mich liebevoll, ich flirte, sehe Fremde an und wünsche ihnen innerlich Liebe. Ich betrachte Bäume, Tiere, Gegenstände mit Liebe. Ich bin mir meiner selbst bewusst. Ich erinnere mich jeden Abend an gute Erlebnisse und Erfolge. Ich achte auf mein Äußeres. Ich gebe meinem Leben Sinn, damit die Welt mit mir ein bisschen schöner, ein bisschen besser ist, als sie es ohne mich wäre. Ich hinterfrage mein Anliegen? Welche meiner inneren Schätze kann ich anderen zur Verfügung stellen? Ich bin großzügig und offen in liebevoller materieller und immaterieller Hinsicht. Ich interessiere mich für andere Menschen, was sie tun und warum. Ich bin in Körper und Geist beweglich und bringe mich mit meinem eigenen Denken und Fühlen zum Ausdruck. Ich habe Humor, Sinn für Schönes, bin hilfsbereit, genieße meine Sexualität, bin fähig, Leidenschaft zu empfinden, meine Rechte zu wahren, Komplimente und Liebe anzunehmen, habe Spaß daran, Freude zu schenken, schaffe seelische Wärme und Geborgenheit, ich bin fähig, Zärtlichkeit zu schenken und Gefühle zu zeigen.