Georg Weiler macht Urlaub

Georg Weiler macht Urlaub
Ein Roman von Jörg Ridder

Georg Weiler saß im Zug, unterwegs zurück auf die Insel, die immer mehr seine neue Heimat werden sollte, nachdem er am Niederrhein groß und im Münsterland alt geworden war. Eine Freundin hatte geschrieben, sie wollte wissen, wie es Georg ginge. Georg wollte die Nachfrage positiv beantworten, ohne die negativen Gedanken und Gefühle der letzten Monate zu erwähnen. Und während Georg von seiner Reise berichtete, wurde ihm gewahr, dass er in wenigen Stunden an einem der schönsten Orte des Landes ankommen würde, die Wettervorhersage versprach sonnige Tage. Er schloss seine Antwort mit den Worten: „ Ich bin auf dem Weg in den Urlaub.“ Und schon während Georg diesen letzten Satz schrieb, änderte sich seine Stimmung schlagartig zum Guten. Georgs Schwester hatte sich bereit erklärt, in den nächsten Wochen die Betreuung ihrer an Demenz erkrankten Mutter zu übernehmen. In den nächsten Wochen würde sich Georg nicht um seinen Sohn Benni sorgen, mehr als Sorge hatte Georg in den letzten Jahren nicht für seinen Sohn leisten können. Georg würde in den nächsten Wochen darauf hoffen, dass Bennie die für sein Leben richtigen Entscheidungen aus eigenem Antrieb heraus treffen werde. Auch würde Georg sich nicht mit seiner ungewissen Zukunft plagen. Georg Weiler hatte die nächsten Wochen zur Urlaubszeit erklärt. Diese Entscheidung fühlte sich gut an. Ab sofort würde er das Leben führen, dass er zwei Jahre zuvor als die ideale Lebensform für sich umschrieb, als er vor dem Wohnwagen hinter den Dünen auf seinem Stuhl saß, die letzte, wie er heute wusste, sinnlose Schlacht an der Hauptschule war geschlagen, wieder als Anwalt zu arbeiten, war schon seit fünf Jahren keine Option mehr. Damals hatte er überschlagen, wie viel Geld er benötigen würde um zu leben. Georg war bescheiden, er brauchte nicht viel. Frisches Obst, Haferflocken ( die Tüte 39 Cent), Mandelmilch, Nüsse, Kaffee, vielleicht mal ein Brötchen, Gemüse, Käse, ein Gaskocher würde genügen. Seine Kleidung würde noch Jahre halten. Der Stellplatz auf dem Campingplatz kostete 300 €. In der Summe brauchte er für Wasser, Lebensmittel, Energie, Kleidung und eine sichere Unterkunft 650 €, das maximale Minimum. Bei einem Brutto-Arbeitslohn von 800,00 € würden abgezogen: Lohnsteuer: 0,00 €, Solidaritätszuschlag: 0,00 € Kirchensteuer: 0,00 € Krankenversicherung: 67,20 € Pflegeversicherung: 12,20 € Rentenversicherung: 74,80 € Arbeitslosenversicherung: 12,00 €. Der Netto-Arbeitslohn beträgt 633,80 €. 800 € geteilt durch 30 Arbeitstage sind aufgerundet 27 €. Bei einem Mindestlohn von 9 € beträgt die tägliche Arbeitszeit 3 Stunden. 21 Stunden des Tages gehörten ihm, wären zur freien Verfügung. Eine Stunde für die Musik. Eine Stunde für das Lesen und Schreiben. Eine Stunde für Musikaufnahmen. Eine Stunde für die Freundschaft, eine Stunde für die Familie. Eine Stunde für freie Mitarbeit, helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Eine Stunde essen. Eine Stunde für die Liebe. Eine Stunde für den Sport. Eine Stunde für die Meditation, acht Stunden für den Schlaf und eine Stunde für dies und jenes.

Eine Woche seines Urlaubs war vergangen. Georg hatte Eier und Butter gekauft und saß unter dem alten Kirschbaum, auf dem Nachbargründstück lärmten sämtliche Maschinen, die in der Gartenpflege zum Einsatz kommen. Zehn Minuten noch, dann hätte der Lärm ein Ende. Leider würde der Gartentrupp in näherer oder weiterer Umgebung die Maschinen erneut zum Einsatz bringen. Die Dinkelwaffeln waren ihm wieder hervorragend gelungen. Zusammen mit Apfelmus und dem frisch aufgebrühten Kaffee ein Genuss. Der Rasenmäher lärmte noch immer. Der Rasentrimmer war zwischenzeitlich verladen. Gleich würde noch das Handgebläse lärmen. Georg saß alleine im Garten. Es war still geworden. Die Ruhe würde nicht lange anhalten, schon bald würde die nächste Linienmaschine landen. Die Anreise mit dem Flugzeug war für Reisende aus der Schweiz und anderen südlichen Ländern doch erheblich kürzer als mit dem Auto oder der Bahn. Da war es: das Handgebläse. Nur ein kurzer Einsatz. Hatte Georg sich in der vergangenen Woche an seine Vorgaben zur Lebensgestaltung gehalten, die er im Urlaub ausprobieren und nach Urlaubsende konsequent anwenden wollte? Georg hatte geschrieben und gelesen, ein paar Stunden hinterm Tresen gearbeitet, nach einer neuen Melodie und einem Text hatte er bislang nicht gesucht, folglich hatte er auch nichts aufgenommen. Mit seiner Mutter und seinem Sohn hatte er nur zweimal telefoniert. Er hatte meditiert, sein Training absolviert und dies und jenes gemacht. Gleich würde er zur Yogastunde fahren und den Tag mit dem Sonnenuntergang verabschieden. Am zweiten Tag nach seiner Anreise war er der Frau begegnet, um deren Freundschaft Georg jetzt schon seit Jahren warb. Katharina.

Katharina war wie eine Ente mit offenem Verdeck auf der Fahrt durch blühende Rapsfelder, wie eine kleine Stadt in der Toskana mit alten Stadtmauern und prächtigen Geschäften, wie der erste Schluck eines kalten, milden Bieres an einem heißen Sommertag nach einem beschwerlichen Almaufstieg. Katharina war wie der frühe Morgen, noch kühl, aber mit der Verheißung eines warmen Sonnentags. Georg würde jetzt aufstehen, ein T-Shirt überziehen und den Tag im Garten mit einer heißen Tasse Kaffee, den er jetzt aufbrühen würde, begrüßen. Dieser Tag wird schön.

Dieser Tag wurde nicht schön, obwohl doch alle Zutaten für einen gelungenen Tag vor Georgs Füßen ausgelegt waren. Hätte Georg den Tag so gestaltet, wie Steve Jobs es vorschlug, als er fragte: Wenn dieser Tag dein letzter wäre, würdest du ihn so leben, wie du ihn am Ende des Tages gelebt haben wirst? Nein, Georg hätte anders gehandelt. Er hatte nicht alle Bausteine seines gelungenen Lebens bedient. Und heute? Wieder ist alles da. Sonne, Meer und Zeit. Wenn Georg gleich seine erste Tasse Kaffee geleert hat, wird mediert. Dasitzen, die Augen schließen und Allem was ist, die Erlaubnis geben. Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, Motoren- und Fahrgeräusche, später die Standgeräusche bei der Lieferung von Heinzöl, eine inhaltsleere, angenehme Luft, in der dann der vorübergehende Gestank des Heizöls dominierte. Georg würde gegen Mittag seine Mutter anrufen, ihrem Wortsalat zuhören und ihre dann in einem Satz vollständig formulierte Beschreibung ihres Zustands ertragen, ohne seinen Urlaub zu beenden. 85 Jahre war sie der stete Optimismus, von ihr zu hören, das Leben sei nicht mehr schön, bedauerte Georg daher um so mehr. Würde Georgs Schwester an den vergangenen Tagen tatsächlich keine Zeit für ihre und seine Mutter aufgebracht haben? Heute Abend wird Georg zu Agnes fahren, die hatte ihn um seine Mithilfe gebeten. Georg hatte in den Jahren seit seiner Ankunft hier auf der Insel immer wieder bei Agnes gearbeitet. Die Arbeit bei Agnes war eine angenehme Lehrzeit, Georg konnte für sein neues Leben, ohne Ehefrau, ohne Familie, ohne alte Heimat lernen. Die Tatsache, dass Georg zusätzlich zu den Erfahrungen und Begegnungen noch mit dem Mindestlohn für sein Wirken entlohnt wurde, war nicht so wichtig. Heute aber, nachdem Georg nichts mehr lernen konnte, die verletzte Seele, die Georg bei seiner Ankunft auf der Insel begleitet hatte, war fast vollständig aufgerichtet, würde Georg sein Wirken bei Agnes nur noch auf wenige Stunden in der Woche, im Monat beschränken, aus alter Verbundenheit, als geschuldeter Dank für Erlebtes. Heute würde Georg andere Bedürfnisse des Menschen, andere Bedürfnisse als das Bedürfnis nach Essen, Trinken, Bedient-Werden erfüllen, um aus dieser Arbeit zu lernen, zu wachsen. Er würde das Bedürfnis des Menschen nach einem guten Leben bedienen. Georg wusste, wie ein gutes Leben gelingen konnte. Es war ganz einfach, wenn man seine Angst und Scham überwinden konnte, sich seinen wahren Bedürfnissen stellte und alles einem Mögliche tat, ohne die Bedürfnisse eines anderen dabei nachteilig zu berühren. Hatte Georg seine lebenseinengende Scham schon vollständig überwunden, indem er der Welt all seine scheinbaren Schwächen in 30 öffentlichen Selbstgesprächen offenbarte?
Wenn der gestrige Tag Georgs letzter Tag gewesen wäre, hätte Georg Katharina nicht nur geschrieben, er hätte sie angerufen, sein Gefühl der brennenden Sehnsucht benannt, sein daraus folgendes Bedürfnis erklärt, sie zu sehen, zu riechen, zu hören, zu umarmen, zu halten, zu verstehen, das Messer zu nehmen und wie Winnetou und Old Shatterhand Blutsbrüderschaft mit ihr zu schließen. Und Georg hätte sein Bedürfnis als Bitte formuliert. Bitte Katharina, sehe mich, rieche mich, höre mich, umarme mich, halte mich, verstehe mich, sei mir vertraute Freundin, und ja, ruhe bei mir. Und weil morgen noch ein neuer Tag ist, ruft Georg nicht an, fährt nicht zu ihr, klingelt nicht an ihrer Tür, bleibt sein Leiden bei ihm, behält er es für sich, verschweigt er sein Bedürfnis und unterlässt seine Bitte, von deren Erfüllung er doch weiss, das sie für ihrer beider Leben gut wäre. Und schließlich leben noch drei Milliarden Menschen auf der Erde. Und zumindest eine Frau, die ist wie Katharina, könnte ihm doch heute begegnen. Und wenn diese Frau ganz anders wäre als Katharina? Sie wäre ganz anders, denn jeder Mensch ist einzigartig, auch wenn der Unterschied nur marginal ist. Was machte Georg gerade? Er verschob sein Bedürfnis in den Warteraum. Georg, du bist ein Feigling. Und wieder wieder wird er einen Tag verschenkt haben. Einen Tag, der so nie wieder sein wird. Sonne, Wind, Meer und Zeit, eine Sonne, die im Meer versinkt und zu sagen scheint: Ich war da, habe dir gedient, habe dich gewärmt, wollte für dich leuchten und mit meiner Schönheit berühren. Ich war für dich da. Es wäre mir eine Freude, du hättest mein Angebot an dich genutzt.

Auf dem Weg zu Agnes klingelte Georgs Handy, ob er den heutigen Arbeitstag gegen einen anderen tauschen würde. Georg willigte ein, wollte sich aber noch nicht bedingungslos binden. Es bestand ja noch immer die Möglichkeit, dass Katharina sich zu einem Treffen an einem der nächsten Abende mit ihm verabreden würde. Auf dem Rückweg kam Georg an der Kirche vorbei, den Werbebanner entlang der Straße hatte er auf der Hinfahrt nur unvollstädig gelesen. Das unbekannte Ereignis interessierte Georg. Als er mit seinem Rad an der langen Reihe parkender Autos vorbeigefahren und in der Nähe des Fahrradständers angehalten war, stiegen in unmittelbarer Nähe zwei festlich gekleidete Frauen aus einer weißen Limousine aus. Georg ließ sich von einer der beiden Frauen über den Grund der zahlreich angereisten Interessenten informieren, eine Hamburger Stiftung hatte zum Konzert junger Musiker eingeladen. Auf dem Weg zum Kircheneingang begegnete Georg zwei älteren Sylter Frauen, die ihn wiedererkannten. Georgs Mutter hatte während ihres Aufenthalts bei Georg regelmäßig am Mittwochstisch der Kirche teilgenommen, die beiden Sylterinnen waren ehrenamtliche Helferinnen. Nachdem Georg erfahren hatte, dass sämtliche Kirchenplätze belegt wären, verweilte Georg noch ein Weilchen, schaute zu, wie hunderte Häppchen und mehrere Kartons mit Weinen und Säften auf weißen Tischen im Schein der Abendsonne herbeigebracht und platziert wurden, junge Musiker die Kirche aus einem Seiteneingang verließen, um ihr Instrument zu stimmen, letzte Besucher zum Eingang pilgerten. Als Georg der Begrüßung der Gäste durch die zwei Pastöre der Kirche zugehört hatte und das erste Stück, über Außenlautsprecher hörbar, erklungen war, verabschiedete sich Georg von den beiden Sylter Damen, wissend, dass er damit sowohl auf die angebotenen Speisen und Getränke, die erbetene Spende als auch auf die  Fortsetzung des Gesprächs verzichten würde, dass bei seinem Eintreffen so vielversprechend begonnen hatte. Als Georg den Kirchplatz verließ, war er ein wenig im Unreinen mit sich, kunstinteressierte Menschen waren immer eine Garantie für ein unterhaltsames Gespräch, auf das Georg, was er nicht so recht verstand, nicht bereit war zu warten. Um sich selbst zu besänftigen, hielt er am Lebensmittelmarkt an, kaufte Erdbeeren, die ungewohnt gut schmeckten, Joghurt, Vanilleeis und die Zeit. Vor der Fleisch-Theke war Georg Tom Buhrow, dem Intendanten des WDR begegnet. Tom war ein Jahr älter als Georg, wirkte aber seit ihrer letzten zufälligen Begegnung vor 15 Jahren in Bonn, Georg hatte sich als Praktikant bei Bettina Böttingers Kölner Treff vorgestellt, sein Interesse aber dann nicht weiter verfolgt, deutlich gealtert. Die Süßspeise und die Zeitung lenkten Georgs Bewusstsein von seinem drängensten Bedürfnis nach vertrauter Nähe, nach Zweisamkeit, nach Schmetterlingen im Bauch, nach Lachen in der Nacht ab. Gefühle, die sich noch einmal ins Bewusstsein schoben, als Georg mit dem Rad einen kleinen Ausflug zu den Restaurants in seiner Nähe machte, die mit Musik, Speisen und guter Laune zum Verweilen einluden. Mit einem Bericht über Giovanni di Lorenzo aus Anlass seines 60sten Geburtstags, dem Austsusch von Whatsapp-Nachrichten und dem Podcast von Charlotte Roche konnte Georg in den Schlaf finden. Am nächsten Morgen beendete Georg seine Arbeiten im Garten, Hilfe, wo Hilfe gebraucht wurde, fuhr ans Meer und badete das erste Mal in der Nordsee. Vorher hatte Georg Katharina über whatsapp angeschrieben. Es sei ihm eine Freude, ihr an dem Strandabschnitt zu begegnen, wo man sich im letzten Jahr zum Picknick getroffen habe. Natürlich nur, wenn sie Lust auf Meer und Georg hätte und keine Möglichkeit bestehe, einem stärkeren Bedürfnis zu folgen. Er erwarte keine Antwort. Wenn er sie sehe, dann sei das schön. Sehe er sie nicht, dann sei das auch gut, zumindest bliebe die Vorfreude ihm erhalten. Er wünsche ihr einen Tag, an den sie sich noch in 40 Jahren gerne erinnere. Als Georg sein Rad vor den Dünen abgestellt hatte, war Katharinas Antwort eingegangen. Leider nein – Yogatime. Schade. Ob sie sich in 40 Jahren an die Yogastunde erinnern wird. Georg war sich sicher, dass das Picknick mit Katharina noch lange in seiner Erinnerung bleiben würde, nicht jedoch vierzig Jahre. Georg wäre dann hundert Jahre alt. Wieder war also ein Tag vergangen, ohne dass es zu einer Begegnung zeischen Katharina und Georg gekommen war. Natürlich hätte Georg weiterhin auf Katharina einreden können, sie fragen, ob man sich nach der Yogastunde oder am Abend treffen wolle. Hatte Georg aber nicht schon mehrfach sein Bedürnis, Katharina zu treffen, erklärt. War jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass Georg Katharinas Umgang mit Georgs erklärtem Bedürfnis, das er immer wieder als Bitte formulierte, als konkludente Ablehnung zu deuten hatte. Georg war Jurist. Bereits im ersten Semester wurde ihm zum Allgemeinen Teils ded BGB der Unterschied zwischen ausdrücklicher und konkludenter Willenserklärung verständlich gemacht. Eine konkludente Willenserklärung muss ausgelegt werden. Orientierung bei der Auslegung bietet das übliche Verhalten. Hätte Katharina ein eigenes Interesse an einer Begegnung mit Georg verspürt, wäre die übliche Antwort gewesen: „Leider nein-Yogstime. Wenn es für dich recht ist, können wir uns aber um.. Uhr auf dem Mond, der Sonne oder am anderen Ende der Welt treffen. Ich würde mich freuen.“

Georg hatte den neuen Tag mit einer Dusche, einer Tasse Kaffee und einer Meditation begonnen um jetzt ein paar Gedanken aufzuschreiben und dann später ans Meer zu fahren. Alles andere war offen, unbestimmt, frei. Die äußeren Umstände waren auch heute genial, diese herrliche Komposition aus wolkenlosem, weißblauem Himmel, der leichte unstete Wind, der den nackten Oberkörper so sanft berührt, wie es keiner Frauenhand gelingen konnte, das Schattenspiel der hellen Sonne und die Ruhe des Morgens, die vom stillen Ruf eines Vogels begleitet wird, in der Nachbarschaft fegt man die Terrasse, der Frühstückstisch wird gedeckt. Georg sitzt alleine im Garten, niemand, der an ihm zerrt, niemand, der ihn zum Kompromiss einläd, keine Arbeit, deren kriegsähnliche Zustände ihn verzweifeln lassen, keine Arbeit, die zum Streit zwingt und ihn zum Weggefährten falscher Interessen nötigt. Dieser Augenblick hat alles, was das Leben bieten kann. Und auch wenn nur noch eine überschaubare Zahl von Jahren bleibt, anders als in den Jahren seiner Ehe, als er von der Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben träumte, kann er den heutigen Tag  zu einem besseren Leben machen, muss sich nicht mit der Hoffnung auf morgen begnügen. Und doch, das Leben hat ihn reich beschenkt, es schenkte ihm vier gesunde Kinder. Kinder, die er durch die ersten Jahrzehnte ihres Lebens begleiten durfte, die ihn jetzt an ihrem Leben teilnehmen ließen. Es schenkte ihm eine Frau, die ihn so lange, 30 Jahre, durch sein Leben begleitete, die ihm zur Seite stand und immer den Mangel ihres Lebens ertrug, es schenkte ihm Eltern, denen er wichtig war und ist. Und Georg hatte Freunde, nicht viele, vielleicht zwei, die ihm in der Not beistehen würden, denen auch Georg beistehen würde, so glaubte er zumindest. Ob seine geschiedene Frau ihm in größter Not noch beistehen würde, nur weil man zusammen alt geworden war und die Verantwortung für vier Kinder teilte, wusste Georg nicht zu beantworten. Georg glaubte, dass immer dann, wenn er sich auf das Leben eines anderen einließ, weil es ihn berührte oder interessierte oder vielleicht auch irritierte, er einen Zweck, eine Aufgabe im Leben des anderen übernahm, der andere aber auch einen Zweck, eine Aufgabe in Georgs Leben hatte. Den Zweck, zu wachsen, den Zweck, dem eigenen Bedürfnis zu genügen. Georg fragte sich: Was brauche ich noch für den heutigen Tag, der alle Möglichkeiten bereit hält, die er annehmen kann, ohne einen anderen zu verletzen, ohne ein Versprechen zu brechen, ohne einem anderen die Erinnerung zu nehmen? Als Georg gestern ohne Katharina an den Strand ging, auf dem Geländer am höchsten Punkt des Strandübergangs kurz verweilte, um sich vor der Pracht des Anblicks der sonnengetränkten Natur innerlich zu verbeugen, erinnerte sich Georg an die Frau, die er vor zwei Jahren hier in der Nähe am Strand kennengelernt hatte und mit der er in erstaunlicher, gegenseitiger Offenheit reden konnte, auch wenn der Anblick ihres nackten, braungebrannten Körpers immer wieder das triebgelenkte Bewusstsein in Georg attackierte. Sie war verheiratet und schon deshalb schied eine sexuelle Begegnung aus. Georg wollte sie wiedersehen und nahm dabei die Gefahr sexueller Frustration in Kauf, ihn interessierte, wie die beiden letzten Jahre bei ihr verlaufen waren. Als Georg den Strandbereich erreicht hatte, abseits der Massen, abseits des Lärms, bereite er sein Handtuch aus und wollte platznehmen. Noch während er sich auszog, nahm er die einzige Frau am Ende des Strands war. Georg blieb in sicherer Entfernung stehen. Sie war allein, der Hut verdeckte ihr Gesicht, sie las. Georg war sich nicht sicher, ob sie es war. Es wäre möglich. Er überlegte kurz, ob er zu ihr hingehen sollte. Nein, das wäre unpassend, sollte sie es nicht sein. Außerdem war es noch Juli und man hatte sich für den August verabredet, allerdings für den August im letzten Jahr. Nach einem zweiten Blick, ihr nackter Körper und das offene Gesicht hatten sich ihm zugewandt, hatte Georg Klarheit. Georg ging ins Wasser. Und während Georg durch die ruhende, noch kühle Nordsee schwamm, wusste Georg, welches Bedürfnis bald Erfüllung finden musste. Für alle Bereiche seines Lebens hatte Georg gut gesorgt. Er arbeitete an seinem innerern Wachstum, das im Wesentlichen die Befreiung von jeder unnötigen Scham und Angst war. Er kümmerte sich um seinen Körper, den er bewusst ernährte und trainierte. Er war offen für einen Glauben an das, was größer und stärker war als er selbst. Er wusste, dass er in der Lage war, suchenden Menschen eine Möglichkeit zu einem gelungenen Leben zu erschließen. Geld sollte keine Wichtigkeit erhalten. Er wollte seiner Lebenzeit Wert geben und er wusste, wo er zuhause sein wollte. Er hatte eine Familie, Zeit für sich und er fühlte sich als Teil einer Gemeinschaft. Was fehlte, war eine romantische Beziehung mit einer erfüllten, liebevollen, vertrauten, fast göttlichen Sexualität. Vielleicht wollte Georg zu viel, vielleicht wollte er das Unmögliche. Egal, alles war möglich. So glaubte Georg noch immer. Und noch immer war der Urlaub nicht zuende.

Aufgrund einer Gewitterwarnung schloss Georg seine Strandlektüre und verließ den Strand. Nach einer kleinen Mahlzeit zuhause am Gartentisch nahm er auf seinen Liegestuhl Platz, legte die Kopfhörer an und schlief ein. Die Wolken hatten sich verzogen, der Himmel zeigte sich wieder in der gleichen Schönheit wie am frühen Morgen. Georg hatte vor dem Wochenende Gemüse eingekauft, das spätesten heute verarbeitet werden musste. Er ging in die Küche, zerkleinerte den Blumenkohl, schnitt die Enden der grünen Bohnen ab, zerteilte die Zucchini, die Paprika, die Zwiebeln, den Ingwer und die Tomaten. Während er die Zucchini mit den Zwiebeln und dem Paprika in der Pfanne briet und draußen die Abendsonne einen schönen Sommerabend versprach, musste er, wie so oft an diesem Tag, an Katharina denken. Während er darüber nachdachte, sie über WhatsApp anzuschreiben, um ihr die Frage zu stellen, ob sie Lust habe, mit ihm den Abend zu verbringen, er hätte gekocht, im Kühlschrank läge eine Flasche Wein, und im Gefrierfach eine Packung Eis, fühlte er sich einsam. Diese scheiß Einsamkeit. Er musste annehmen, dass Katharina, sofern sie überhaupt antworten würde, seine Einladung ausschlagen würde. Nicht anders hatte sich Katharina in den letzten Jahren verhalten, nicht anders hatte sie sich an den letzten Tagen verhalten. Mittlerweile war es 21 Uhr. Das Essen stand unverbraucht in der Küche. Georg verspürte keinen Hunger, obwohl er heute erst zwei kleine Mahlzeiten zu sich genommen hatte. Es schien, als nehme Katharina ihm die Lebenslust. In der Nachbarschaft pulsierte das Leben, vielleicht wäre er mit netten Menschen ins Gespräch gekommen. Georg wollte nicht, Georg war unfähig sich ins Abendleben zu drängen, er verspürte keine Lust auf alkoholische Getränke, keine Lust alleine zu essen, Cola, Fanta und Sprite schmeckten ihm nicht. Wasser? Nein. Die Vorstellung, allein in das Schauspiel der anderen einzudringen, machte ihn noch einsamer. Er ging ins Haus und füllte seinen Teller. Der Eintopf schmeckte wie immer, nur ein bisschen anders. Auf Fetastreifen hatte er verzichtet. Spätestens morgen würde er gegen seine Einsamkeit angehen. Und wie sollte er mit Katharina verfahren? Katharina. Was wusste er von Katharina. Im Grunde nicht mehr, als im Internet von ihr zu lesen war. Er wusste, wo sie lebte, welche Arbeit sie tat, nicht, weil sie ihm davon erzählt hätte, Georg stellte sich vor, was sie in ihrer Funktion wohl machen würde. Georg hatte ihren Vater bei Gelegenheit ein wenig kennengelernt, als er von sich und seinem Leben erzählte, als er von seinen Töchtern erzählte und Georg ihm sagen musste, er kenne seine eine Tochter. Lebte Katharina in einer Beziehung? Georg nahm die Flasche Wein aus dem Kühlschrank und goss sich ein Glas ein. Gut, dass ihm Alkohol nicht schmeckte. Wäre er sonst wohl zum Alkoholiker geworden? Wann hatte Georg mit dem Rauchen, dem übermäßigen Rauchen aufgehört? Das Glas war fest geleert. Die Mücken hatten an anderen Stellen des Körpers wieder zugeschlagen. Es war gleich 22 Uhr geworden, während Georg diese Zeilen geschrieben hatte. Er würde gleich in der Mediathek den Tatort ansehen und mit einem Podcast wieder in den Schlaf finden. Wieder war ein Tag vergangen, an dem er nicht aus vollem Herzen lachte, ein Tag ohne Gemeinschaft, ohne die Nähe eines anderen Menschen, ohne die Nähe Katharinas erlebt zu haben. Ja, es war wieder ein Tag, an den Georg sich nicht erinnern würde, wenn sein Leben sein Ende ankündigt. Morgen. Morgen wird alles anders. Morgen. Über ihm verließ der letzte Flieger für diesen Abend die Insel. Und morgen?

Um 6 Uhr war die Nacht zuende. Das war nicht schlimm, denn Georg liebte den frühen Morgen, insbesondere heute, da dieser Tag der vorerst letzte sonnige Tag sein würde. Noch im Aufwachnebel griff Georg zum Handy. Katharina war um Mitternacht zuletzt online. 20 Minuten später, nach Georgs Morgentoilette, hatte auch sie ihren WhatsApp Account das erste Mal an diesem Morgen geöffnet. Aus welchen Beweggründen Katharina ihren Account wohl so oft öffnete? Georg wusste es nicht. Und es war müßig und mühsam, ja sogar sinnlos darüber nachzudenken. Und doch, vielleicht hatte auch sie sich in einen anderen Mann verliebt, vielleicht verschickte sie den ersten, zweiten und dritten Morgengruß an ihre Liebsten, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Für sein eigenes Verhalten hatte er eine Erklärung, er wollte ihr nah sein, er wollte ihren Kontakt. Hätte sie beim Aufwachen neben ihm gelegen, hätte er sie ansehen wollen, ihr einen guten Morgen wünschen wollen. Georg musste an Biene denken. Biene war Georgs einzige, kurze Beziehung nach seinem Eheende. Bienes Schlafzimmer lag im dritten Stockwerk ihrer Hamburger Altbauwohnung. Er dachte an ihr schlafendes Gesicht, das ganz still aus dem leichten Daunenoberbett hervorschaute, an das milde Licht des Morgens. Er dachte an sein Warten, bis auch sie ihre Augen öffnen würde. Jetzt, nach der Morgenmeditation war Katharina das dritte Mal online. Georg war bewusst, dass er etwas ändern musste. Er musste aufhören,  Katharinas Account zu öffnen. Die letzten Tage hatten zuviel Kraft gefordert, zuviel Kraft gebunden. Er könnte es versuchen. Er wusste aber, dass sein Versuch scheitern würde. Er kannte sich. Georg könnte ihre Handynummer aus seiner Kontaktliste löschen. Georg Weiler erinnerte sich an seine jahrelangen Versuche, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn er nachts nach einer Mucke und vierzig gerauchten Zigaretten nachhause kam, vor Erreichen des Wohngebiets seine letzte Zigarette rauchte und den Inhalt der noch vollen Schachtel in den Abfalleimer warf, am nächsten Morgen, nach dem Aufwachen zur Tankstelle fuhr und das Versprechen der Nacht nach wenigen Minuten des neuen Tages brach. Irgendwann hatte Georg das Rauchen eingestellt, einfach so, ohne Zwang, ohne Loslassen, ohne Allen Carrs Vorschlag aus seinem Buch „Endlich Nichtraucher“. Georg wusste, dass seine Art des Umgangs mit Katharina nicht gut für ihn war, aber er wollte sich nicht zum Loslassen zwingen, die Abhängigkeit sollte sich von alleine auflösen. War seine Beziehung zu Katharina mit Abhängigkeit eigentlich richtig benannt? Georg wollte von Katharina mehr, als sie geben wollte. Was wollte Georg von Katharina, und was war Katharina bereit, Georg zu geben. War sie nur bereit zu geben, oder wollte sie auch etwas von Georg? Nachdem sich Georg den Whatsap Verlauf der letzten Tage angesehen hatte, war die Antwort schnell gefunden. Georg hatte ihr geschrieben, dass er sie sehen wollte, er wollte sie bei sich haben, mit ihr reden, ihr zuhören, sie küssen, umarmen halten und vermutlich, das hatte er aber nicht ausdrücklich formuliert, mit ihr schlafen, auch wenn er nur um ihre Freundschaft warb. Wollte Georg mit Katharina schlafen? In einem leichten, unbeschwerten, angstfreien, gedankenfreien Leben, ja. Und so?Und Katharina, was wollte sie von Georg, was konnte aus ihren Worten, ihrem Tun objektiv gefolgert werden? Sie hatte ihm am Ende ihrer letzten Begegnung einen Kuss über die Innenhand zugehaucht. Ein Verhalten, das nach dieser kurzen Begegnung ungewöhnich war, aber wie Georg heute wusste, aus leichem Übermut, aus gedankenloser Freude, fast kindlicher Freude geschah. Sie hatte Geburtstag. Ansonsten, hatte Katharina eine Bitte an Georg geäußert? Sie hatte sein Tun bewertet, ein wenig aus ihrem Alltag berichtet, ein mögliches Treffen in Aussicht gestellt und die erste Einladung zum Strandgang mit Begründung verneint. Diese Mitteilung war ihre letzte. Ihre Worte waren eindeutig: Katharina wollte nichts von Georg, weder seine Liebe, noch seine Freundchaft, noch geteilte Zeit.
Immer wenn Katharina ihm eine Nachricht schickte, vor Jahren, als er um ihre Liebe warb, und jetzt, wo er ihre Freundschaft begehrte, reagierte Georg. War die Nachricht positiv, freute sich Georg. Blieb die Nachricht aus, auch keine Nachricht ist eine Nachricht, litt Georg, und zwar so, dass er die Schönheit, die ihn umgab nicht mehr wahrnehmen konnte, sein ganzer Fokus war auf die doch so sehr ersehnte Nachricht gerichtet.

Vielleicht offenbarte sich in Georgs  Denken über Katharina und in seinem Verhalten gegenüber Katharina auch eine psychische Erkrankung. Ja, Georg litt. Er litt gestern Abend unter seiner Einsamkeit, und er litt heute Morgen unter seinem Wunsch, von Katharina zu hören, von ihr zu lesen, sie zu sehen. Und ja, jeder, der leidet, ist krank. Möglicherweise ist das Leiden auch nur die Folge eines Mangels, eines Mangels an liebevoller Zweisamkeit. Georg litt, weil er wusste, dass er mit seiner Art des Umgangs mit Katharina sein Leben vergraulte und vielleicht vergraulte er auch Katharina. Georg war bewusst, dass sein leidendes Gefühl in der Abhängigkeit zu Katharina sich schon mehrfach in seinem Leben wiederholt hatte. Die erste Abhängigkeit erinnerte Georg in seiner Beziehung zu seiner Grundschullehrerin. Vor ein paar Jahren hatte Frau Arnold Georg, aufgrund seiner Bitte zu einem Gespräch, zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Frau Arnold war bei Georgs Einschulung noch sehr jung, sie hatte gerade erst ihre Ausbildung beendet. Frau Arnold war lieb, weich, klug und auf besondere Art schön und vermutlich erst 22 oder 23 Jahre alt. Ein Altersunterschied von nur 17 Jahren. Hätte der 6-jährige Georg gewusst, dass ein Altersunterschied zwischen Mann und Frau von 24 Jahren, wie beim französischen Staatspräsidenten, völlig normal sein kann, hätte der kleine Georg den Mut gehabt, seine Zuneigung, sein Verliebtsein gegenüber Frau Arnold zu offenbaren, wie wäre sein Leben wohl verlaufen? Irgendwann hatte Georg seine Liebe aufgegeben, sie hatte einfach aufgehört, vermutlich als er aufs Gymnasium wechselte. Vielleicht erinnerte Katharina Georg an Frau Arnold, seine erste unerfüllte Liebe. Auch Katharina war weich, klug, sprachgewandt, mütterlich, lustig, fürsorglich, einmalig schön und doch aufgrund ihres Alters für eine Beziehung mit Georg zu unterschiedlich. Vier Stunden waren jetzt vergangen, in denen sich Georg mit sich und seinen Gefühlen, mit Katharina und ihren möglichen Gefühlen auseinandersetzte. Als Georg gestern Abend nach dem Gemüseeintopf und dem Glas Weißwein als Nachtisch den Inhalt einer Michreis-Verpackung gegessen hatte, wurde ihm zunehmend schlecht. So schlecht, dass er sich kurze Zeit später übergeben musste. In dieser halben Stunde körperlicher Qualen waren alle Gedanken, die Georg heute Morgen anstellte, unbedeutend, nebensächlich. Vielleicht wollte Georgs innere Instanz, der Wächter über sein Leben, Georg mit dem Mittel der Qual zur Ordnung rufen. Aber wieder war die scheinbare Unvernunft stärker. Den Inhalt des noch zur Hälfte gefüllten Eintopf würde Georg gleich zum Kompost geben, sein Werben um Katharina aber noch nicht beenden. Gleich würde er erst einmal ihren WhatsApp-Account öffnen. Ja, Georg war krank. Sicherlich gab es für seinen Seelenschmerz auch einen Fachbegriff. Allein die Benennung seines Zustands würde seinen Schmerz nicht lindern. Das konnte nur Georg selbst. Und irgendwann, das wusste Georg, irgendwann wäre er gesund. Aber was ist ein gesundes Leben? Wenn der Mangel endet und jedes wahre Bedürfnis Erfüllung findet, nachdem sich die Sicht auf das Leben klärte.

In der Nacht klingelte Georgs Telefon. Als Georg das Klingeln endlich wahrgenommen und aus dem Bett gesprungen war, auf dem Display das Wort Oma las, wurde er unruhig, Angst kam auf. Als er den grünen Annahmebutton in die richtige Richtung geschoben hatte, hörte er, dass sich der Anrufbeantworter schon eingeschaltet hatte. Georg rief zurück und hörte die Ansage: Der Teilnehmer ist nicht erreichbar. Georg beruhigte sich mit der Vermutung, seine Mutter hätte wohl ungewollt den Anruf getätigt, vielleicht als sie die Uhrzeit auf ihrem Handy lesen wollte und dabei auf die Taste drückte, die das Telefon automatisch Georgs Nummer wählen ließ. Georg legte sich zurück ins Bett, merkte alsbald, dass er sobald nicht einschlafen würde. Er stand auf, ging zu seinem Meditationsplatz und ließ für kurze Zeit die Gedanken kreisen. Irgendwo zwischen Schlaf und Meditation erinnerte sich Georg an den gestrigen Abend. Georg stand in Agnes Restaurant hinterm Tresen, in der linken Hand das Poliertuch, in der rechten ein Weinglas, vor sich der Spülmaschinenkorb mit weiteren Gläsern, als auf der Terrasse des Restaurants eine Frau in sein Blickfeld trat, wohl in Begleitung einer jüngeren Frau, die gleichsam Georgs Aufmerksamkeit fand, die Georg interessierte. Es war ihre abgeklärte, ruhige, umsichtige Haltung, die nach keinerlei Aufmerksamkeit drängte. Es brauchte nur eine oder zwei Sekunden, bis Georg zu dieser Einschätzung kam. Einfluß auf Georgs Wahrnehmung hatte wohl auch ihr leichter, fast tänzerische Gang und ihr beiger Rollkragenpullover, der für einen starken Kontrast zur sommerlichen Kleidung der meisten Gäste sorgte. Zusammen mit zwei weiteren Frauen und ein paar Kindern nahm die Gruppe in der Nähe des Tresens Platz. Ein harmonisches Bild, eine Mutter mit ihren zwei Töchtern und Enkelkindern und eine weitere Frau im Alter der Töchter, die, so vermutete Georg, aufgrund ihren dunklen Haare mit den blonden Töchtern der Mutter befreundet schien. Immer, wenn Georg Gäste interessierten und die Gesamtumstände es zuließen, brachte Georg die von ihm zubereiteten Getränke persönlich zu den Gästen und gab ihnen mit einer frrundlichen Begrüßung, mit einer Frage oder Vermutung Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch, aus dem sich manchmal im Verlaufe des Abends ein längeres Gespräch ergab. Georg brachte die Getränke an denTisch. Die älteste Frau am Tisch ordnete die Zuteilung der Getränke. Sie war vielleicht so alt wie Georg, vielleicht aber auch älter, eine Frau, die auch im Alter an die Attraktivität ihrer jungen Jahre erinnerte. Ihre Stimme war klar und prägnant, in der richtigen Lautstärke, als sie Georgs Frage, ob sie Lehrerin sei, mit einem ja beantwortete. Ja, das hätte sie mal studiert. Eine Antwort, die die anderen Frauen am Tisch erheiterte. Obgleich ihre Antwort auch Georg gefiel, beendete er die kurze Unterhaltung und trat zurück hinter seinen Tresen. Die Frauen und ihre Kinder tranken, malten, erzählten, lachten, aßen, der Säugling wurde gestillt, herumgereicht, bis er in die Arme seiner Oma kam um deren Gesicht mit geteiter Freude zu kneten. Nach einem längeren Aufenthalt bezahlte die Mutter der erwachsenen Kinder die Rechnung und eine, so nahm Georg an, glückliche Familie verließ das Restaurant. Es war nur ein ganz kurzer Kontakt und doch hatte Georg das Gefühl, dass die Frau, die er für sein Restleben suchte, die er auch brauchte, um die Nähe einer positiven Partnerschaft zu leben, so sein sollte, wie diese Frau. Es war das Gefühl eines kurzen Augenbkicks, und doch spürte Georg Sicherheit in seinem Gefühl, das ihn an die griechische altertümliche Philosophie erinnerte, in der Mann und Frau getrennt wurden und erst dann das Glück finden konnten, wenn sie als geteiltes Paar wieder zur Einheit wurden.

In dieser Nacht hatte es geregnet. Als Georg in den Garten ging, war der Himmel bedeckt. Es war kühler geworden, aber nicht kalt. Warm genug, um mit T-Shirt und Jacke die Meditation im Freien zu genießen. Jetzt auf dem Rückweg vom Bäcker war der Blick in den Himmel geklärt, die Sonne und das Blau des Himmels wurden sichtbar. Georg grüsste den Mann auf dem gegenüber liegenden Fußweg mit einem freundlichen Moin, das von dem Mann, vermutlich auf dem Weg zum Bäcker ebenso freundlich erwidert wurde. Georg ergänzte seinen Gruß mit der Feststellung, dass es gut sei, sich als Fremde auch über die Straßenbreite hinweg zu begrüßen. Wieder schenkte der Mann Georg ein Lachen und ergänzte seinerseits, dass man in Hamburg still aneinander vorbeiginge, worauf Georg daran erinnerte, dass anders als hier auf der Insel in der Großstadt doch zu viele Menschen aneinander vorbeigingen. Georgs wesentliche Erkenntnis während der Morgenmeditation war die Gewissheit, dass er, wie noch vorgestern von ihm behauptet, nicht krank ist. Körperlich schon eh nicht, und psychisch auch nicht, Georgs leidender Zustand passte in keines der in der ICD10 aufgelisteten und beschriebenen Krankheitsbilder. Georg konnte logisch denken, und, was vielleicht noch wichtiger war, er war in seinem Reden und Handeln verständlich, wenn auch nicht für jeden. Warum sich Georg aber seit nun fünf Jahren um Katharinas Zuneigung mühte, konnte auch Georg, der sich selbst ja am besten kannte, nicht nachvollziehen. Es musste einen logisch erklärbaren Grund geben, einen Sinn haben, vielleicht wusste nur Georgs Unterbewusstsein den Grund, vielleicht forderte das Unterbewusstsein Georgs Nicht-Loslassen zum Zweck seines nach außen nicht nachvollziebaren Vorteils. Warum aber wusste Georgs wacher Verstand den Grund seiner Zuneigung nicht zu begreifen. Georg wollte nicht ausschließen, dass ausschließlich altruistische Gründe Georg bewogen, Katharinas Widerdprüchlichkeit, ihre Gegensätzlichkeit, die Art ihres Mitgefühls, ihre Art, auf seine Geschenke zu reagieren, ihre Art auf seine Zuneigung zu reagieren, hinzunehmen und weiterhin um ihre Zuneigung zu kämpfen. Georg fühlte, dass auch Katharina litt. Sie hatte es nie derart deutlich formuliert. Er nahm an, dass ihr ganzes Verhalten ein großes Schauspiel war, wie Georg ein ganzes Lebem lang Schauspieler war. Georgs erste leidende Rolle war die des Jungen, der vorgab, dass das Mädchen an seiner Seite, im Familienurlaub auf Ibiza, ihn nicht faszinierte. Die Rolle des treuen Freundes, der vorgab andere Mädchen interessierten ihn nicht, die Rolle des glücklichen Hochzeiters, der die anhaltende Faszination verschwieg. Die Rolle des treuen Ehemannes, der vorgab sich mit Freude dem Zölibat der Ehe zu unterwerfen, und schließlich die Rolle des Anwalts, die nicht zu seiner Persönlichkeit passte.

Unterstellt, Georgs Bemühen um Katharina war ausschließlich altruistisch motiviert, was schwer fiel, erinnerte man sich der Freunde, die ein Wiedersehen mit Katharina in Georg auslöste. Unterstellt, Georgs Bemühen um Katharina war überwiegend altruistisch motivert, was wollte Georg in Katharinas Leben Gutes tun, ungebeten Gutes tun? Fest stand, Katharina hatte nie ausdrücklich um Georgs Hilfe, um Georgs Beistand, um Georgs Zuneigung, um Georgs Gegenwart gebeten. Hatte sich damit nicht schon jede Befugnis , jedes Amt zu altruistischem Handeln erledigt? Auch wenn Katharina schwieg, konnte denn ihrem Reden und Verhalten entnommen werden, dass sie die Begegnung mit Georg, gleich welcher Art, wollte? 

Lebensregel No. 1: Wenn dein Bedürfnis die Liebe, die Freundschaft, die geteilte Zeit zu einer Frau ist, sprich dein Bedürfnis klar und deutlich ist, lass es hörbar werden, bemühe dich immer wieder um die Liebe, um die Freundschaft, um die geteilte Zeit. Und erst, wenn du ein klares, deutlich vernehmbares Stopp hörst, beende deine Bemühungen sofort und lass los.

Georg war Mitglied der Inselbücherei geworden und hatte mit einem bescheidenen Jahresbeitrag von 25€ einen Zugriff auf Bücher, die ihm ohne seine Mitgliedschaft verborgen gebliebenen wären. Auch das Buch über Einsamkeit, in dem Manfred Spitzer auf 250 Seiten die Ursachen und Folgen der Einsamkeit erkärt und Möglichkeiten aus der Einsamkeit anbietet, hätte Georg vermutlich nicht erworben. So aber konnte Georg lesen, dass er seine von ihm mal mehr, mal weniger erlttene Einsamkeit, intuitiv richtig angegangen war: Er hatte musiziert und die von ihm erstellte Musik geteilt, in Discotheken getanzt, im Tanzkurs Salsa gelernt und wieder vergessen, Otto, dem Croupier aus Bayern das Geld für ein Zelt, Zigaretten und eine Gitarre geliehen (ohne Aussicht auf Erstattung) und geholfen, wo ihm die Hilfe Spaß machte. Und, Georg war noch immer bemüht, der größten Kraft gegen Einsamkeit zu begegnen, der Liebe. Georg hatte gelernt, das lieblose Sexualität die Einsamkeit nur verstärkt, er hatte erfahren, wie wertvoll die Freundschaft zu einer Frau ist, und er wusste jetzt, warum er trotz all der schweigenden Ablehung an seiner doch mehr als fragwürdigen Beziehung zu Katharina festhielt. Georg hatte die Hoffnung, dass er in der Beziehung zu Katharina, in der sich sexuelles Begehren und menschliches Gefallen paarten, seine schmerzende Einsamkeit ein Ende finden konnte. Menschliche Nähe heilt Einsamkeit. Die größte menschliche Nähe ist die partnerschaftliche Liebe. Und wenn die Hoffnung stirbt, stirbt das Leben.

In der Morgenmeditation drang ein doch naheliegender Gedanke in sein Bewusstsein, den Georg wenig später gleich in der Schlange der wartenden Menschen vor der Kuchentheke anwandte, als eine junge Sonderschullehrerin an einer Schule für Gehörlose sich hinter Georg in die Reihe stellte und Georg ihr sagte, dass er gerade ein Buch lese, das die Behauptung aufstellt, Einsamkeit sei tödlich, gleichzeitig aber auch Wege aus der Einsamkeit anbot. Natürlich war diese Aussage nicht die Einleitung ins Gespräch. Georg hatte ihre kurzzeitig Irritation über das Ende der wartenden Kunden genutzt, seine Idee des Morgens gleich anzuwenden. Die Morgenmeditation hatte einen Namen für Georgs Leiden gefunden: Georg war einsam. Zwar gab es Momente, in denen Georg unfähig war, auf kleine Probleme, die er zu lösen hatte, angemessen zu reagieren, er eine innere Grenze spürte, die er nicht überwinden konnte, dem Grund dieser innerenem Blockade wollte sich Georg erst später zuwenden, erst war das Problem der Einsamkeit zu lösen. Das Gefühl der Einsamkeit war schon zu lange Teil seines Lebens. Wenn Georg in die Vergangenheit blickte, hatte er die Ahnung, dass Einsamkeit möglicherweise schon wahrend der Kindheit und Jugend in seinem Leben vorkam, vermutlich auch während der langen Ehedauer. Die erste Erinnerung an die Schmerzen der Einsamkeit, verband Georg mit dem Gefühl in jener Nacht, als er nach der ersten und letzten Begegnung mit seiner Ehefrau, zwei Wochen nach seinem Auszug, einen Tag vor Beginn der Osterferien, in die Berge gefahren war und nun allein in einem Doppelbett seiner Ferienunterkunft lag. Der erste Urlaub allein nach 52 Jahren, Einsamkeit pur. Die Idee in der Morgenmeditation war so selbstverständlich, so naheliegend, dass Georg sich fragte, warum er nicht schonn eher auf die Idee gekommen war.

Das Ende des Urlaubs war eingeläutet, nur noch wenige Tage blieben, die Sorgen und Verpflichtungen, die Georg zu Beginn seines Urlaubs in die Abstellkammer geschoben hatte, dort zu belassen, um in schönen und guten Begegnungen zu wachsen. Als um halb sechs die Nacht zuende war, gewährte Georg sich die zweite Hälfte des Podcast von Charlotte Roche, über die Georg in der Nacht eingeschlafen war. Das Gehörte berührte ihn. Zwei sich liebende Menschen, die offen und ehrlich ihre Gefühle teilten, mit dem anderen und dem Zuhörer. Warum die dem Impuls hierzu folgten, wird sich aufklären, wenn die Beziehung geendet hat. Es war noch früh genug und Georg würde nicht zuviel vom jungen Morgen vergeuden, wenn er noch einmal in die Audionachricht reinhören würde, die Katharina ihm als Antwort auf seine Einladungen hinterlassen hatte. Die Nachricht erinnerte Georg an die Videonachricht, die er von Katharina am Anfang ihrer Freundschaft erhalten hatte. Damals erzählte sie von ihrer Hundehütte, die sie nicht hatte, fünf Jahre später von der Eistorte, die sie gleich, an diesem heißen Sommertag würde anfertigen. Ihre Stimme wechselte zwischen leise und laut, zwischen zärtlich und bestimmend, langsam und schell, unbebestimmt unentschlossen, entschieden gefasst. Ganz am Ende ihrer Nachricht beantwortete sie dann auch Georgs Wunsch: „Ja, doch, irgendwo sehen wir uns bestimmt.“ Diese Antwort zu verstehen, war noch schwerer als eine Abhandlung von Kant zu lesen, bei der man jedoch eine Logik erkennen könnte, ein Verstehen möglich wäre. Aber wie sollte Georg mit der Antwort auf die Frage, wann man sich sehe, ja, doch, irgendwo sehe man sich bestimmt, umgehen? Brauchte Georg einen besseren Beweis, dass eine Beziehung, die Georg sich zumindest unbewusst erhoffte, tatsächlich von ihm nicht gewollt sein konnte. Möchtest du mit mir essen? Ja, irgendwo bestimmt. Georg hatte einige Frauen kennengelernt, die eins und eins addieren konnten, die das Verhalten anderer treffend bewerteten, in ihrem eigen Verhalten, auch für sich selbst, jedoch völlig unverständlich waren. Diese Frauen hatten für Georg immer einen besonderen Reiz, aber auch ein manchmal schwer erträgliches Leid zur Folge. Und Georgs geschiedene Ehefrau, die jetzt, wie Georg von der letzten Freundin seiner Mutter erfahren hatte, zu Besuch bei ihrer und seiner Tochter war, musste Georg auch in ihrem Verhalten unverständliche Widersprüchlichkeiten ertragen? Das Vergangene ist vorbei. Mit ihrer Trennung hatte Georg die Erinnerung an sein altes Leben, das fast sein ganzes Leben war, gelöscht, auch die Erinnerung an Erlebtes, das nicht an der falschen Beziehung litt. Nach der Morgentoilette folgte, wie so oft an den letzten Tagen die Morgenmeditation, nicht ohne vorher mit einer Tasse Kaffee diesen Sonnentag zu begrüßen. Wie viele Sonnentage blieben noch in diesem Jahr? Georg erinnerte sich an die gestrige Einladung seiner Nachbarn auf ein Glas Wein, die er ausgeschlagen hatte. Warum? Weil seine Annahme mit Kompromissen verbunden war? Weil er wusste, dass sein wahres Leben nicht dem Schein des Besonderen entsprach, das der erste ungewollte Eindruck vielleicht vermittelte. Und Georg hatte keine Lust mehr, mit seinem Alter, seiner Armut, seinem Gescheitertsein zu hausieren. Und vielleicht erinnerte ihn sein Unbewusstes auch daran, dass er die Gegenwart einer ganz anderen Frau begehrte.  Mittlerweile war es halb elf, Georg hatte ein paar Sätze geschrieben, sich durch seine Lieder an die Vergangenheit erinnert, die Kaffeekanne war leer. Georg würde sich jetzt sein Frühstück bereiten und eine zweite Kanne mit Kaffee aufbrühen. Gegen Mittag würde er das Angebot des Tages annehmen und ans Meer fahren, vielleicht an einen anderen Strandabschnitt. Zuvor wollte er aber noch die zweite Lebensregel niederschreiben. Wie lauteten die Fakten der Gegenwart? Georg war 60. Er lebte nach einer traumtischen Trennung allein. Er hatte noch keine wirkliche Alternative zu seinem erlernten und zuletzt ausgeübten Beruf gefunden. Er war sich sicher, dass er in den nächsten Monaten eine Lösung finden würde. Sein Vater, der, wie Georg in den letzten Jahren erkannte, ihm ähnlich war, hatte während seines Lebens verschiedene Berufe erlernt und ausgeübt, er war Schuster, dann Schweißer, dann selbstständig als Tankwart und zuletzt eigenständig als Plarzwart tätig. Er hatte Spaß, in Gemeinschaft zu musizieren, liebte die Begegnung mit Menschen, auch auf Flohmärkten, ebenso den ungefährdeten Flirt. Und, er hatte eine Frau, die er liebte, die ihn liebte. Die Folge war ein glücklicher Mensch. Sein Tod kam plötzlich, unerwartet, schnell, mit einen letzten Aufbäumen in den Armen seiner Frau, Georgs Mutter. Georg hatte einen Ort gefunden, an dem er leben wollte, leben konnte, wenn nicht an gleicher Stätte, so dann an anderer, gleichwertiger Stätte. Er hatte ein Haus zu verantworten. Er hatte nach der Scheidung eine kleine Rücklage bilden können, sein Konto war beständig im Haben. Er hatte eine oder vielleicht zwei Freundinnen, einen, vielleicht zwei Freunde. Er war körperlich gesund, psychisch belastete ihn eine leichte Depression, er verspürte noch immer die Auswirkungen einer traumatischen Trennung, die noch immer ein Gefühl von Hass in ihm erweckte, wenn er an seine Frau erinnert wurde. Ihr Angebot, mit ihm über die Zukunft ihres Sohnes Benni zu reden, konnte er allein deshalb nicht annehmen. Benni sollte nicht wie so oft während seiner Kindheit unter ehelichen Auseinandersetzungen leiden, die ihn oft als Mittel zum Zweck missbrauchten. Benni brauchte Hilfe. Seine Mutter und auch Georg hatten sich aufgrund ihres ehelichen und nachehelichen Verhaltens für dies Aufgabe disqualifiziert. Fest stand: Benni brauchte Hilfe. Er brauchte die richtige Hilfe, von den richtigen Personen. Wahrscheinlich brauchte Benni nichts anderes als Georg, eine liebevolle Umgebung und eine sinnvolle Aufgabe. Die Pflege seiner an Demenz erkrankten Oma war vermutlich die falsche Aufgabe für Benni. Für die nächsten Tage sollte Benni noch in der Sorgenkammer bleiben. Denn Georg wusste, dass er für Benni nicht die richtige Hilfe wäre, solange er seine negativen Gefühle, Hass gegenüber seiner geschiedenen Frau, Hass gegen den Mann, der in die Ehe drang – eigentlich unverständlich, war er es doch, der Georg endlich aus der Beziehung befreite – überwunden hatte und Georg das Mangelgefühl als Folge seiner Einsamkeit beendet hätte. Wie also konnte Georg seine Einsamkeit beenden?

Lebensregel No. 2: Wenn du dich einsam fühlst, finde eine Frau, in deren Gegenwart du dich wohl fühlst, ohne Zweifel, ohne Unbehagen. Flirte. Sei ehrlich.

Der Duden definiert Flirt als ein Verhalten, bei dem durch Blicke, Gebärden, Worte oder in ungezwungenem, scherzendem Gespräch jmdm. gegenüber unverbindlich seine Zuneigung bzw. sein erotisches Interesse zu erkennen gegeben wird.

Die Kirche war gefüllt, in ihrer Mitte, im Durchgang zum Seiteneingang, hinter der Bankreihe mit freiem Blick auf den Altar, ein älterer Mann mit beigem Polohemd in seinem Rollstuhl. Am Rand, drei Sitzreihen vor ihm flätzte sich ein Mann in Georgs Alter, den Arm über die Rückenlehne gelegt, mit einer Brille im Gesicht und Resthaar, das seinen Hinterkopf von dem einen bis zum anderen Ohr umspannte. Georg saß in der letzten Reihe, er hatte die Kirche mit dem letzten Glockenschlag betreten. Mit ihm betrat die Hauswirtschafterin der Gemeinde das Kircheninnere, setzte sich neben Georg, war erleichtert, noch vor Beginn des Gottesdienstes hier zu sein, fragte Georg, wie es seiner Mutter ginge und führte sodann eine Bitte aus, mit der sich die Pastorin an sie gewandt hatte. Georg mochte diesen glatzköpfigen Mann nicht, der immer wieder, im Wechsel mit dem Rollstuhlfahrer, Georgs Aufmerksamkeit fand, obwohl er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Das Gefühl, das Georg mit dem zweiten Mann seiner Frau verband, übertrug sich gerade auf diesen Gottesdienstbesucher. Am Ende des Gottesdienstes blieb Georg noch ein wenig sitzen, der Mann im Rollstuhl wurde aus der Kirche geschoben, die Menge schritt hinterher. Die Predigt erzählte von Maria, bei der Orgelmusik, die folgte, fragte sich Georg, wie zwei Hände und zwei Füße so viele verschiedene Töne gleichzeitig erzeugen konnten. Vor der Kirche traf Georg Chistiane und Helga. Helga wusste Georgs Frage, ob Jesus einen Bruder habe, mit nein zu beantworten. Chritiane hatte erst im Gottesdienst erfahren, dass die Gemeide gleich eine Pilgerfahrt zur Kirchengemeinde nach Klanxbühl unternehmen werde, Pilgerziel war die Kirche Notre-Dame. Sie wäre gerne dabei gewesen, wollte den Tag jedoch lieber mit sich und viel Ruhe erleben, nachdem die 10 Stunden Arbeit vom Vortag sehr anstregend gewesen waren. Ihre bewusste Entscheidung für das Alleinsein erinnerte Georg an seinen gestrigen Enrschluss, seiner Einsamkeit durch vermehrtes Flirten zu entgegnen.

Mit welcher Frage wollte Georg sich heute Morgen befassen? Wollte er Zeit aufwenden für die Frage, wer seinen Wert bestimmte, er selbst oder doch die anderen? Oder doch über die Frau sinnieren, die ihn so lange schon beschäftigte? Vielleicht sollte er das Schreiben verschieben, um den Rasen zu mähen, Laub zu haken, den Stellplatz zu reinigen oder doch die Hecke zu schneiden. Er könnte ein neues Lied aufnehmen, um etwas Bleibendes für sich zu schaffen, etwas, das seine augenblickliche Gefühls- und Gedankenwelt dokumentierte. Ein paar Regentropfen fielen vom Himmel. Die Regentropfen wurden mehr. Georg ging ins Haus. Regentropfen, die an mein Fenster klopfen. Warum fielen Georg nicht derart bleibende Sätze ein? Ganz einfach, Georg war kein Poet. Morgen würde ein prominentes  homosexuelle Paar in der Kirche über ihre Hochzeit mit dem Pfarrer reden, der ebenfalls in einer homosexuellen Beziehung lebt. Eintritt frei. Georg würde die kirchliche Veranstaltung aufsuchen, ihr beiwohnen, als Zuhörer teilnehmen, er würde da sein, um zu lernen, oder hingehen, um eine Frage zu stellen. Ob Fragen erlaubt sind? An welcher Antwort wäre Georg interessiert, welche Antwort wäre für seine Sehnsucht nach einem guten Leben wertvoll? Ein gutes Leben. Was wäre ein gutes Leben, jetzt gerade, heute. Eine Arbeit mit Wert, die Stolz und Sinn vermittelt, stressfrei Zeit aufwenden für Benni und seine Mutter, Wohlfühlmenchen um sich und die richtige Frau an seiner Seite. Das ist ein gutes Leben. Der prominente Hochzeiter entwirft Mode, ist Teil einer Fernsehsendung, hat ein Buch geschrieben und seine Hochzeit in Sylts angesagtester Örtlichkeit gefeiert. Letzte Handlung lässt vermuten, das der Mann über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen kann. Gestern begegnete Georg einem Mann, der nach 8 Jahren Volksschule eine Lehre startete, diese nach 3 Jahren abschloss, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholte, anschließend eine Fachhochschule besuchte und das Studium als Diplom-Ingenieur beendete. Seither war er selbstständig tätig. Auch er verfügt über ein überdurchschnittliches Einkommen. Vielleicht wird auch er irgendwann ein größeres Fest in der Strandbar begehen. Vorher aber wird er eine Immobilie erwerben, die für 1,2 Millionen Euro angeboten wird. Der Makler, der für seine Vermittlung einen Lohn im Mittel von 50.000 € erhält, wird das abschließende Verkaufsgespräch möglicherweise in den Räumlichkeiten eines Sylter Sternekochs begehen, der alsbald mit dem Pfarrer der Gemeinde mit dem Altar im Hintergrund zu dem Thema „Liebe geht durch den Magen“ eine Unterhaltung führen wird.

Neid. Neid ist ein Wegweiser, ein Hinweis. So hatte es Georg gelesen. Ja, es stimmte. Wenn Georg an die Menschen dachte, die ihm an den letzten Tagen begegnet waren, die ihm an den nächsten Tagen begegnen würden, welche Menschen lösten in ihm das Gefühl von Neid aus, welcher materielle oder immaterielle Zustand im Leben eines anderen machte ihn neidisch?  Georg dachte zuerst an den Rollstuhlfahrer, der unruhig schien, seine Körperhaltung immer wieder wechselte. Seit 47 Jahren ist er Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 1990 ist er infolge eines Attentats querschnittsgelähmt. Er hat eine Frau, vier Kinder, eine Meinung, eine Aufgabe, ein Amt, erfuhr Zuspruch, war wirtschaftlich versorgt und hatte, so vermutete Georg, die körperlichen Einschränkungen und die weiteren Folgen der Querschnittslähmung akzeptiert. Empfand Georg Neid, als er ihn inmitten der Gottesdienstbesucher, und doch isoliert in seinem Rolldtuhl sitzend sah? Dieser Mann war ein Staatsdiener. Er diente den Menschen unseres Landes, er diente Georg. Er gab dem Land seine Lebenszeit und wurde Opfer eines paranoid-schizophrenen Mannes. Nein, Georg empfand in der Begegnung mit diesem Menschen keinen Neid. Mitgefühl, Achtung, Respekt ja. Und den Eindruck, dass auch dieser Mann Gleicher unter Gleichen war. Das größte Glück eines Menschen war es, sorgenfrei, angstfrei in einer harmonischen, vertrauten, lustvollen Beziehung zu leben. Immer dann, wenn Georg Menschen begegnete, die eine derartige Beziehung vermuten ließen, empand Georg Neid. Georg wusste nicht, ob dieses Ziel für ihn realisierbar wäre. Eine Beziehung, in der du satt bist und dich auf das nächste gute Essen freust, in der du die Langspielplatte(CD) immer wieder vorsichtig auf den Plattenteller legst, die Nadel ganz behutsam auf die Platte ablegst und schon dabei die Freude spürst, die dich erfüllt, wenn der erste Ton erklingt. Ein Film, ein Witz, eine Landschaft, die dich immer und immer wieder zum Lachen bringen. Das war das Leben, das Georg beneidete, das er für sich wollte.

In den vergangenen zwei Wochen hatte Georg immer wieder Passagen aus dem Roman, an dem er gerade schrieb, über whatsap mit Katharina geteilt. Als er gerade von ihr eine Antwort erhielt, ihre Worte las, und ohne ihren Sinn vollständig oder auch nur annähernd verstanden zu haben, durchfuhr ihn ein Schmerz. Warum dieser Schmerz? Waren die Gesamtumstände so schlecht, dass Ihre Worte derart wirken konnten. Ihr Vorschlag, der mehr als Anweisung klang, wiederholte Altbekanntes. Lass den Neid, lass das Leid, sei frei und in Liebe mit dir. Schreibe dir selbst und lese dich selbst. Der letzte Rat konnte als Bitte verstanden werden, auf die Übersendung weiterer Romanpassagen zu verzichten. Dieser Bitte würde Georg entsprechen. Mit dem Inhalt der zweiten Nachricht informierte sie über anstehende Renovierungen, Hilfe sei willkommen. Georgs körperliche Reaktion auf ihre Nachricht konnte für Georg wertvoll sein, wenn er verstand, welchen Grund der Schmerz hatte. Welches negative kindliche Gefühl wurde durch die Nachricht erweckt? Georg würde die Antwort nicht finden, zu lange schon dachte er über seine Kindheit nach. Wie konnte er die Reaktion seines Körper sonst noch nutzen? Er glaubte zu wissen, dass der Schmerz immer im Zusammenhang mit Angst auftrat. Angst. Wollte Georg noch länger über seine Angst grübeln? 

Georg hatte zwei Möglichkeiten. Er konnte weiterhin über den Grund seiner negativen Gefühle nachdenken, oder aber sich zu einhundert Prozent mit seinen Gedanken auf den Augenblick und das, was noch vom Vortag in ihm nachwirkte, konzentrieren. Wie geht es mir gerade und was brauche ich heute wirklich. Welches konkrete Hindernis steht gerade meinem Bedürfnis im Weg. Ist das Hindernis real, nur in meiner Vorstellung so groß, gibts es Umleitungen, vielleicht sogar ein ganz anderes Bedürfnis, das dängender ist? Als Georg den Bäcker betrat, kam ihm eine Frau in langer Hose mit silberglänzenden Ballerinas und blonden Haaren entgegen. Wollte er ihr ein Lächeln geben, einen freundlichen Morgengruß schenken? Nachdem er mit dem Brot aufs Rad gestiegen und an der blonden Frau, die gerade ihr Fahrradschloss öffnete, vorbeifuhr, wurde Georg vielleicht zum ersten Mal so richtig bewusst, wie viel Zeit seines Lebens er mit der anhaltenden Ausschau nach seiner Traumfrau verschwendet hatte, der permanenten Suche, dem ständigen Sehen, dem ewigen Abwägen, dem Bewerten. Sollte heute der Tag sein, das Verhalten zu ändern? Er hatte doch die Formel für ein gelungenes Leben gefunden und aufgeschrieben. Wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre wollte er weiterhin nach falschen Regeln, einer falschen Prägung folgend, leben?

Bevor Georg zum Bäcker gefahren war, hatte er Katharina geschrieben, dass er ihr bei der Renovierung helfen werde. Bei seiner Rückkehr vom Bäcker hatte sie eine Nachricht hinterlassen, in der sie ihm mitteilte, die Arbeit warte. Kurz bevor er zu ihr fahren wollte, meldete sie sich erneut, diesmal um ihm mitzuteilen, dass er ihr doch nicht helfen solle. Ja, so war Katharina. Eben noch ja, jetzt nein. Georgs erste Reaktion auf die letzte Nachricht waren zwei kleine Tränen, die zum Ausgang des Tränenkanals drängten. Dann jedoch fühlte Georg, dass Katharina mit dieser Nachricht und der Begründung, die sie gab, das erste Mal ehrlich war. Und auch wenn Georg noch immer ein wenig traurig war, überwog die bedrückte Freude darüber, dass sie ehrlich gewesen war. Georg freute sich, Katharina ehrlich erlebt zu haben. Deshalb schrieb er ihr auch sofort, ohne seine Worte zu überdenken, dass er sie verstehe und es sehr, sehr gut gefunden habe, dass sie ehrlich ihm gegenüber gewesen war. Und sollte sie seine Hilfe bei der weiteren Renovierung brauchen, er werde ihr helfen. Katharina.

Gestern war Georg in der Kirche, die fast vollständig gefüllt war. Der Designer, Fernsehstar und Neubürger mit zweitem Wohnsitz in Kampen im Gespräch mit dem Pfarrer, so war es angekündigt. Zwei gleichwertige Menschen, in der Betrachtung des anderen, in der Betrachtung der Anderen, die sich auf Augenhöhe begegnen wollten. Leider war die Begegnung ein Monolog auf Stichwort.

Gerade auf seimem Spaziergang saß Georg auf einem Geländer, nur drei Holzpfosten und zwei Latten, vor ihm das Wattenmeer bei Ebbe. In dem Rinnsal vor sich und den Findlingen, die das Land schützten, drei kleine Fische. In der Hand einen Greidehalm, dessen wunderbare Ähre Georg bestaunte, ihre Struktur erinnert Georg an das Fell des Rotweilers, dem Wachhund an der Tankstelle seines Vaters. Auch schon vor 50 Jahren gab es Ladeneinbrüche. Die drei Fische erinnerten Georg an den Urlaub, als seine Kinder noch klein waren und die kleinen Fische im auflaufenden Wasser bestaunten. Seine geschiedene Ehefrau war seit ein paar Tagen mit ihrem Profilbild für Georg bei WhatsApp sichtbar. Jeden Millimeter ihres Gesichts erinnerte er. Und doch hatte sie sich verändert. Auf ihren Fingernägeln glänzte rote Farbe.

Und wenn dieser Tag tatsächlich mein letzter wäre, so fragte sich Georg. Wollte er sich wirklich mit dieser Frage befassen, nachdem die Sonne alle Wolken beiseite geschoben hatte und nun wieder in voller Schönheit erstrahlte. Georg hörte, während er schrieb, seine alten Lieder,  “ und wir liefen beide Hand in Hand durch die tobenden Wellen am Strand“, konnte er hören. All die Lieder wären ohne die Trennung von seiner Ehefrau nicht entstanden, mit einigen hatte er das Trauma seiner Trennung gelindert, für jeweils zwei Lieder war das Erlebte mit Regina und Biene Inspiration, die meisten waren dem Gefühl entsprungen, dass er mit Katharina verband. Und wenn er sich gerade singen hörte, von dem Mädchen mit den braunen Haaren, dachte Georg an Ani. Ani war die Frau, die Georg als Jugendlicher kennenlernte, mit ihr verband ihn das stärkste Gefühl, als er damals dann als junger Erwachsener in ihrem Wohnzimmer saß, und Georg für immer hätte bleiben wollen. Ani war jetzt 61, ein Jahr älter als Georg, ein Jahr älter als Georgs Schwiegermutter alt geworden war. Noch vor ein paar Jahren, noch vor der Trennung von seiner Frau, war es Georgs Wunsch gewesen, ihr noch einmal zu begegnen. Aus welchem Bedürfnis heraus, fragte sich Georg. Er konnte es nicht klar benennen, sein Gefühl jetzt gerade schien darauf hinzudeuten, dass der Grund etwas Übersinnliches beinhalten könnte, Einswerden, Gedanken in Einklang bringen, Gedankenleere, Erfüllung, schweigendes Verständnis. Gefühle, die er auch in der Begegnung mit Katharina suchte. Vor zwei Tagen saß ein Klempnerlehrling während seiner Mittagspause am Gartentisch. Wenig später, als er seine Arbeit wieder aufgenommen hatte und das Werkzeug durch den Garten trug, an der Küche vorging, in der Georg kochte, bemerkte er wie gut es rieche, wenig später, Georg saß mit seinem einfachen Gemüsegericht im Garten, sagte er zu Georg: „SIE haben es gut.“ Ja, für den ersten Eindruck, konnte man zu der Annahme kommen, dass es Georg gut ging. Konnte Georg mit Nachdenken über das Warum seiner Gefühle, sich seine Gefühle erklären, um so auch im Inneren den Zustand zu erreichen, den der Schein vermittelte. Hätte Georg nur öfter das Hoch der Liebe und den Schmerz der Trennung erlebt, Georg würde seine Gefühle besser verstehen, so glaubte er. Wenn dieser Tag tatsächlich mein letzter wär? Die Frage war blöd, irgendwie ließ sie keine positiven Antworten zu, zu eng war sie mit dem folgenden Ende verknüpft. Ihre Antwort sollte das mir wichtige vom Unwichtigen trennen. Zu wessen Begräbnis würde Georg gehen? Tod, Ende, Wichtigkeit. Georgs Kraft, die ihn am Leben hielt, war die Sehnsucht nach dem Unmöglichen. Sobald das Unmögliche möglich schien oder möglich wurde, verlor die Frau ihre Sehnsucht stiftende Kraft. Das menschliche Leben war Physik, Chemie, deren Logik und unergründliche Seele.

Morgen wäre der Urlaub zuende. Zuhause warteten die demenzkranke Mutter und der am Leben gescheiterte Sohn. Und er, ohne Lust am Leben mittendrin. Georg hatte sich in den letzten Wochen durchs Leben geschlagen. Kein  Moment unbeschwerten Glücks. Katharina hatte ihren Zauber verloren, seine Frau war alt und lebte ein anderes Leben, von dem Georg nichts wissen wollte. Das erste Mal drängte sich die Frage ins Bewusstsein: Warum? Warum noch länger leben? Am Anfang der Ehe, während der Schwangerschaft, hatte er eine Risikolebensversicherung abgeschlossen und als Zugabe eine Kapital-Lebensverdicherung, als studentisches Ehepaar. Und jetzt? Die Darmspiegelung, ja. Und sonst? Vier Paar Schuhe hatte er gekauft, Nachlass 50%. Wollte er noch länger durchs Leben gehen. Georg fand schöne Schuhe schön. Ein Gefallen, das er mit seinem Vater teilte. Sein Vater war nun auch schon sieben Jahre tot. Er hatte Georgs Scheidung nicht mehr erlebt, ein paar Monate zuvor ist er einfach so gegangen. Leider haben wir das Reden verpasst. Georg hatte ihn wohl nicht so richtig kennengelernt. Tränen liefen. Bei Asterix hatte jeder Galier eine Aufgabe. Der Fischer, der Druide, der Sänger, der Schmied. Welche Rolle hätte Georg bei den Galiern einnehmen wollen? Was hielt ihn noch hier auf der Insel, ohne Arbeit, ohne rechte Zukunft. In den Jahren war er zu jeder Gelegenheit auf die Insel gekommen, um Katharina nahe zu sein, um ihr zufällig zu begegnen, um dann doch vielleicht der Frau zu begegnen, mit der eine realistische, gute Beziehung möglich wäre. Aus den Kopfhörern hörte Georg „ich will dich lieben, Liebe ist wunderbar“. Gerorg war alt, irgendwann würde die sexuelle Energie erlöschen. Still, die einzige treibende Kraft seines Lebens. Die Sehnsucht nach körperlicher und romantischer Liebe hatte ihn durchs ganze Leben getrieben. Und jetzt? Georg hatte sich versprochen, nie wieder mit seiner Frau zu reden. Die Beziehungsebene war eine andere. Keine Beziehung. Georgs Leben war scheiße verlaufen. Er war mit allem gescheitert. „das Spiel ist aus, ich hab verloren“, hörte Georg  sich singen. Er hatte sich durch 20 Semester gequält, bei dem Urlaub im Schwarzwald, der Kofferraum gefüllt mit Büchern, die er gekauft hatte, die er lesen wollte. Das Jahr beim Repetitor. Hier hatte er das erste Mal erfahren, auf was er sich in der Prüfung vorzubereiten hatte. Bis dahin? Oh du Scheiße, du ewige Qual. Für was? Um dem Ego gut zu tun. Ein anderes Leben. Wer hatte mir gezeigt, wie man lebt. Mir Erklärungen gegeben, mich eingeführt, eingewiesen, begleitet? Die Eltern, die arbeiteten, feierten, die keine Antworten wussten. Hatte Georg je gefragt? Keine Schuldtzuweisung. Sie haben ihr Bestes gegeben, Hemd, Hose, Schuhe, die besten Fußballschuhe, Torwarthandschuhe, Akkordeon, Bass, Verstärker, Saxophon, Klarinette, Unterricht. Spring dem Ball entgegen, reiß den Ball an die Brust und zieh das rechte Bein hoch, um dich zu schützen. Heirate nicht, ihr seid zu jung. Gaben sie Georg noch andere Hilfestellungen für das eigene Leben? Und er, wie hat er seine Kinder ins Leben begleitet. Als was? Als Student, ohne Sicherheit. Als Vater, der eine andere Frau begehrte, mal die, mal die, und immer auch die eine, der die Art und Weise des Umgangs seiner Frau mit den Kindern, meistens schweigend duldete, weil er sie doch nicht begehrte, und sich dann doch gelegentlich vor die Kinder stellte und dem Streit die Türen öffnete. Georg hatte alles vergessen, den Streit, den Anlass, das Gefühl, das Leben, die Traurigkeit, die Selbstaufgabe, das Schauspiel, die Sehnsucht. Nur ein ungutes, schlechtes Gefühl, das blieb. Der ständige Streit, nicht ein Essen ohne Streit. Keine konkreten Erinnerungen, nur ein Gefühl. Scheiß Leben, alles falsch gemacht. Andere Eltern, ein anderes Zuhause, ein anderer Ort. Und jetzt, am Ende? Rümpel im Keller, auf dem Dachboden, in der Garage, eine Mutter mit Demenz, ein Sohn ohne Gegenwart und Zukunft, alt, ohne eigene Zukunft, ein Rentenantrag, Rente, sitzen, trinken, rauchen, fernsehen, fressen. Schluss. „Und jeder, der uns sieht, kann sehn, was Liebe ist“, hörte Georg. Warum noch leben?